BDSM, Bitten und Bedürfnisse

Für Sub gibt es – je nach Gegenüber – verschiedene Möglichkeiten, eine Handlung zu initiieren. Provokation kann ein adäquates Mittel sein, wenn sie zur Art und Weise des gemeinsamen Spiels passt. Auch die Bitte ist mitunter sehr wirkungsvoll.

Nun liegt es in der Natur der Sache, dass Bitten grundsätzlich abgelehnt werden können. Allein die grundsätzliche Option einer Ablehnung löst bei manchen Menschen allerdings negative Gefühle aus und lässt sie im Zweifelsfall lieber auf die Bitte – und damit auf die Erfüllung ihrer Wünsche und Bedürfnisse – verzichten, als abgewiesen zu werden. So verständlich ich das finde, so traurig macht es mich. Dann wiederum gibt es Subs, die gerade die potentielle Zurückweisung als etwas sehr Reizvolles empfinden, denn sie bedeutet einen weiteren Aspekt von fehlender Kontrolle.

Es wäre so einfach, könnte Dom*me Gedanken lesen und immer genau erkennen, ob Subs Bitte wirklich dringlich ist und deren Erfüllung elementar zum Wohlergehen beiträgt oder ob ein kleines Machtspiel mit einem Ausschlagen der Bitte den Reiz der Situation noch erhöht. In eingespielten Konstellationen und bei sehr empathischen Menschen klappt das vielleicht auch ohne Gedankenlesen. In allen anderen Fällen funktioniert das leider nicht und zieht teilweise Frust und Enttäuschung nach sich.

Manchmal werden Wünsche und Bitten auch nicht geäußert, weil die Offenbarung von speziellen Bedürfnissen Scham hervorruft. Dabei ist Scham so ein heuchlerisches Ding. Die Bitte fixiert, geknebelt und nur mit den notwendigsten Lebensfunktionen wie der Atmung liegen gelassen zu werden, weil wir auf diesem Weg zurück zu uns selbst finden und zur Ruhe kommen können, löst Scham aus, die uns abhält dieses Bedürfnis zu kommunizieren. Aber wir stehen auch breitbeinig gefesselt über einen Tisch gebeugt und stöhnen hemmungslos unsere Lust heraus, während wir zum wiederholten Mal zum Orgasmus gezwungen werden und uns nicht mehr ausreichend unter Kontrolle haben, sodass der Speichel neben uns die Tischplatte tränkt. Auch hier kann Scham eine Rolle spielen. Derweil oder hinterher. Aber hier kann es leichter fallen damit umzugehen, denn in diese Situation wurden wir von Dom*me gebracht. Dom*me hat diese Scham also heraufbeschworen. Für die Scham, die die Bitte auslöst, sind wir selbst verantwortlich und die können wir vermeiden. Aber um welchen Preis?

Jetzt gibt es auch Bitten unterschiedlicher Qualität. Ein

„Kannst du mich bitte schlagen?“

ist nur auf den ersten Blick das Gleiche wie

„Kannst du mich bitte fixieren, knebeln und mich einfach einen Augenblick liegen lassen, damit ich zur Ruhe komme?“

Beides kann in diesem Moment für Subs Wohlbefinden elementar wichtig sein und so zielt jede der beiden Bitten vielleicht auf aktuelle Grundbedürfnisse ab und hat so ihre unumstößliche Daseinsberechtigung.

Aber:

Die Erste lässt viel Spielraum und zielt eher auf eine bestimmte Praktik ab, während die zweite ein relativ eigenständiges Szenario abbildet. Beim Ersten schränke ich weder ein, womit oder wie oft ich geschlagen werde, noch gebe ich eine Intensität vor. Inklusive einem möglichen „Nein!“ habe ich so gut wie nichts unter Kontrolle.

Das Zweite hingegen ist absolut spezifisch und lässt Dom*me wesentlich weniger Handlungsmöglichkeiten. Je nachdem, welches Fesselmaterial und wie viele Knebel sich im Inventar befinden, ist die Art der Ausführung eher begrenzt.

Zur Scham: Sich selbst und dem Gegenüber einzugestehen, genau letzteres gerade zu brauchen, weil es durch andere Verarbeitungsstrategien nicht möglich ist, sich selbst herunterzuregulieren, kann schwerfallen. Es kann beispielsweise als persönliches Scheitern oder als Unfähigkeit gewertet werden. (Manchmal ist der Kopf ein fieses Miststück! Wir sollten nicht immer auf ihn hören!)

Würde ich persönlich die Bitte mit der Fixierung so kommunizieren, wüsste mein Gegenüber aus vorherigen Gesprächen ganz sicher, wie dringend ich genau das benötige und wie sehr es mich treffen würde, auf diese Bitte eine Absage zu erhalten.

An dem Punkt beginnt das Dilemma, denn ich fühle mich als Sub gerade deshalb wohl, weil ich die Kontrolle abgeben kann. Würde ich mein Gegenüber jetzt also um etwas so eng Gestecktes bitten, wäre ich zwar für meine Bedürfnisse eingestanden und hätte sie kommuniziert, aber ich hätte das Ruder an mich gerissen und hätte über ein komplettes Szenario bestimmt. Auch wenn ich dort dann hilflos und ohne Kontrolle liegen und sabbern würde, könnte ich den Kopf nicht frei bekommen, weil die initiative Kontrolle von mir ausgegangen wäre. Ein „Nein“ würde mich kaputt machen, ein „Ja“ aber würde unser Gefüge angreifen. Eine Zwickmühle in der es nur Verlierer geben kann.

Nichts zu sagen und nicht zu bitten oder auf eine*n gedankenlesende*n Dom*me zu warten, kann aber auch keine Lösung sein.

Im Grunde ist eine Bitte um solch elementaren Dinge wie das Abschalten und Fallenlassen können kein reines BDSM-Ding. Auch in jeder anderen Beziehung kann es Momente geben, in denen aus welchen Gründen auch immer (auch hier kann Scham eine Rolle spielen) nicht direkt kommuniziert werden kann, was eine Person gerade benötigt. Manchmal sind es einfach die Worte oder die Kraft die fehlen. Im BDSM-Kontext verschärfen das Machtgefälle und seine Auslegung/Auslebung die Formulierung einer Bitte um Abhilfe. In beiden Konstellationen kann es unglaublich hilfreich sein, bereits im Vorfeld Dinge und Situationen zu besprechen.

In meinem Beispiel des Kopffreibekommens könnte ich besprechen, dass ich diese Gefühle und Situationen von und bei mir kenne und dass es mir beim Abschalten hilft, wenn ich dazu ‘gezwungen‘ werde, nichts tun zu können. Dass dazu eine Fixierung hilft. Oder eine Verdunklung um mich herum. Dass beruhigende Geräusche schön wären oder die Konzentration auf nur eine definierte Sache – und sei es die Atmung, weil mir diese durch einen Knebel oder durch Breathplay erschwert wird. Komme ich dann in eine Situation, in der ich es wirklich brauche, von außen auf ein für mich erträgliches Maß an Ruhe reduziert zu werden, kann es bei einem aufmerksamen Gegenüber genügen, genau das zu kommunizieren, weil es im Vorfeld eben eine Sensibilisierung für bestimmte Zeichen gab. Dann genügt es, darum zu bitten, zur Ruhe kommen zu dürfen und die Art und Weise wie ich das darf, bleibt dem dominanten Part überlassen. Dann ist die einzige Kontrolle die ich habe das „Ob“. Das „Was“ und „Wie viel“ und „Wie lange“ liegt nicht in meiner Hand. Dann kann ich mein Sub-Sein genießen und dann fühlt es sich für mich auch rundum gut an, dafür einzustehen, was ich brauche.

Das Vanilla-Äquivalent dazu könnte die warme Decke, die Kuschelmusik und das Heißgetränk sein, die der Partnerperson helfen, vom auslaugenden und anstrengenden Tag runterzukommen.

Zudem möchte ich betonen, dass auch die Bitte nach Schlägen einen ganz bestimmten Hintergrund haben kann. Vielleicht ist es der Wunsch nach Schmerzen. Vielleicht aber auch das Bedürfnis zu spüren, die Kontrolle consensual an das Gegenüber abgegeben zu haben und dies nun spüren zu wollen. Nicht immer ist es leicht, das für sich zu sortieren. Manchmal ist es nur ein diffuses Gefühl, das sich wünscht geschlagen zu werden. Hier kann es ungemein helfen, sich selbst zu hinterfragen, welches Bedürfnis hinter dem Wunsch steckt und das dann zu kommunizieren.

Ein

„Bitte lass mich deine Macht über mich spüren!“

bietet noch viel mehr Möglichkeiten als ein

„Bitte schlag mich!“ oder „Bitte tu mir weh!“

Abgesehen davon hilft es dem dominanten Part auch viel besser zu verstehen, aus welcher Ecke der Wunsch kommt und ob es eine gute Idee ist, die Bitte grundsätzlich abzulehnen. Denn entgegen der Meinung, im BDSM ginge es nur darum, als Dom*me die eigenen Wünsche und Bedürfnisse auszuleben, ohne Rücksicht auf Sub zu nehmen, ist BDSM ein Geben und Nehmen, bei dem alle Beteiligten am Ende auf ihre Kosten kommen sollten.

Falls ihr als Sub also aus Sorge, dem dominanten Part mit euren Bedürfnissen zur Last zu fallen, um nichts bitten möchtet, sprecht miteinander. In einer intakten BDSM-Beziehung, mit einem verantwortungsbewussten dominanten Part werden eure Wünsche und Bedürfnisse nicht als Last gesehen, sondern als das was sie sind. Als essentielle Teile eurer Selbst und damit als ebenso valide wie die Wünsche und das Verlangen eures Gegenübers.

8 Kommentare zu „BDSM, Bitten und Bedürfnisse

  1. Hallo Cate, ich bin völlig BDSM unbeleckt, aber sehr interessiert, da hier , so wie ich es derzeit wahrnehme, viele gesellschaftliche Zusammenhänge gleichsam wirken, aber oft gewollt überhöht werden, und daher klarer wahrnehmbar sind. Dies war der erste Blogbeitrag hier, den ich gelesen habe, aber der Facettenreichtum dessen, was du ansprichst, hat mich verwunderlicherweise erstaunt. Und sogar die ein oder andere Ableitung auf Situationen jenseits des BDSM fand ich super nachvollziehbar. Chapeau – das ist nicht mal so runtergeschrieben….
    Das Dilemma der Bitte einer/s sub verstehe ich, frage mich aber, ob Dom*me dann nicht sehr genau interpretieren muss, um zu verhindern, dass eine Situation entsteht, in der sub das Bedürfnis nach beispielsweise Erdbeereis hatte, aber aus den beschriebenen Gründen nur um Eis bittet, und Dom*me Straciatella umsetzt. Oder, um in deinem Text zu bleiben, sub fragt nach ‚zu sich kommen‘ hat aber eigentlich das spezielle Bedürfnis ‚Atemkontrolle‘ aber Dom*me entscheidet ‚Fixierung mit Reizentzug‘.
    Kann Dom*me wirklich dieser Verantwortung nachkommen? Vielleicht in einer Spielbeziehung, in der man sich nicht so tief kennt? Was passiert mit sub, wenn Bedürfnisse nur fast (im Sinne von nicht treffgenau) erfüllt werden?
    Ich freue mich auf die Zeit, hier weiter lesen zu können

    Gefällt 2 Personen

    1. Hallo Jan,
      zunächst einmal danke ich dir für deine Nachricht.
      Ich empfinde es auch so, dass BDSM gesellschaftliche Zusammenhänge stark betont und unter anderem mit Tabus spielt. Für mich macht das einen Teil des Reizes aus.
      Zur Frage mit dem Dilemma: natürlich kann es passieren, dass Dom:me Stracciatella statt Erdbeer serviert. Darum ist Kommunikation im Vorfeld und währenddessen und danach so wichtig. Ja, die Bitte kommen zu dürfen, ist sehr vage. Wenn ich persönlich darum bitte, dann bitte ich eben auch nur darum. Möchte ich kommen dürfen UND dabei mit Atemkontrolle spielen, würde ich zunächst darum bitten, kommen zu dürfen und derweil noch darum bitten, die Hand am Hals zu spüren.
      Die Kommunikation ist aber nicht einseitig. Auch Dom:me steht es doch jederzeit frei zu fragen, was Sub möchte. Wenn mein Höhepunkt beispielsweise auf sich warten lässt, fragt mich mein Herr teilweise auch, ob ich das eine oder andere brauche, damit es besser geht.
      Ich denke, je besser sich die Beteiligten kennen – vielleicht auch je empathischer alle sind – desto größer ist die Chance, genau den Punkt zu treffen, den es braucht. (Zufällig ist das bestimmt auch möglich, aber unwahrscheinlicher.)
      „Was passiert mit Sub, wenn Bedürfnisse nur fast erfüllt werden?“ Eine gute Frage. Ich bin als Sub für mich verantwortlich. Kommuniziere ich den Wunsch kommen zu dürfen, dann ist es genau das. Wenn ich dann kommen darf, wurde mein kommunizierter Wunsch/ meine Bitte zu 100% erfüllt. Möchte ich etwas anderes, dann ist es meine Pflicht, das kundzutun.
      Ein anderes Beispiel: Wenn ich als Masochistin Schmerzen spüren möchte, bitte ich darum, dass mein Herr mir wehtut. Wünsche ich mir, dass er mich schlägt, dann bitte ich darum. Feine Unterschiede, die sehr viel ausmachen. Dafür ist es hilfreich, sich selbst und die eigenen Bedürfnisse zu kennen.
      Ich hoffe, das war hilfreich.
      Liebe Grüße
      Cate

      Gefällt 1 Person

      1. Danke Cate,
        dann habe ich das doch richtig erfasst. Ohne persönliche Erfahrung bewegt man sich schnell auf wackeligem Terrain. Daher bin ich vorsichtig mit eigenen Schlüssen.
        Es grüßt herzlich
        Jan

        Gefällt 2 Personen

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