Über Erniedrigung und Demütigung

oder: Ist das vielleicht das Selbe?

Kommunikation gelingt dann besser, wenn von den Beteiligten dasselbe Wording genutzt wird. Im BDSM, wo Kommunikation einer der wichtigsten Grundpfeiler überhaupt ist, ist das nicht anders.
Für manches was wir sagen möchten gibt es viele Synonyme, manch anderes meint aber im allgemeinen Sprachgebrauch auch unterschiedliche Dinge und wir vermischen es trotzdem.

Beispielsweise habe ich mich vor einer Weile in diesem Artikel an die Entwirrung der Begriffe Sub und Bottom, beziehungsweise Dom und Top gesetzt.

Ein weiteres Wortknäuel rollte dank Patreon vor meine Füße, als mich eine Frage bezüglich meiner eigenen Vorlieben erreichte.

„Stehst du auf Demütigung?“

Beim Beantworten der Frage bemerkte ich, wie sich die Begriffe Demütigung und Erniedrigung in meinem Kopf vermischten, obwohl ich vorher ziemlich sicher war, dass es einen Unterschied gibt. Also habe ich recherchiert.

Im Netz gibt es so viele Abhandlungen und (vor allem Meinungen) zu dem Thema, dass es schwierig war, eine Unterscheidung in Worten festzuhalten. Vielleicht ist sie ja aber auch gar nicht nötig. Wir werden sehen. 😉

Demütigung ist die erzwungene Erniedrigung eines Menschen oder einer Gruppe, ein Prozess der Unterwerfung, der den Stolz, die Ehre, und Würde der Opfer verletzt oder vollständig raubt. Gedemütigt zu werden bedeutet, oft in extrem schmerzhafter Weise, in eine Situation gebracht zu werden, die sehr viel „tiefer” angesiedelt ist als es das Opfer erwartet. Der Akt der Demütigung enthält erniedrigendes Verhalten anderen gegenüber, Verhalten welches etablierte Grenzen und Erwartungen überschreitet. Demütigung kann Zwang beinhalten, Gewalt einbegriffen. Im Zentrum steht die Idee des nach unten Drückens, des unten Haltens.

E. G. Lindner
Ärztin, klinische Psychologin und Sozialpsychologin, die bekannt ist für ihre Theorie zur Demütigung, Begründerin der Humilitation Studies

Knapp zusammengefasst ist laut E. G. Lindner Demütigung also das Mittel, das die Erniedrigung einer Person oder Personengruppe zum Ziel hat. 

Weil in der Definition allerdings noch wesentlich mehr steckt – viel mehr, was im BDSM eine wichtige Rolle spielt – bedarf es einer genaueren Betrachtung der einzelnen Teile.
Im Folgenden werde ich immer wieder Bezug zu meiner eigenen Einstellung nehmen und möchte an der Stelle betonen, dass sich diese Anteile des Texts ganz explizit auf meine Vorlieben beziehen. Sie erheben absolut kein Anrecht auf Allgemeingültigkeit.

„Demütigung ist die erzwungene Erniedrigung eines Menschen oder einer Gruppe, ein Prozess der Unterwerfung, der den Stolz, die Ehre, und Würde der Opfer verletzt oder vollständig raubt.“

Mit der Unterwerfung durch Demütigung geht nach Lindners Definition eine bewusste Verletzung der Ehre, des Stolzes und der Würde einher und das wiederum ist etwas, das ich nur in sehr begrenztem Rahmen mit meinem BDSM vereinbaren kann. Ich kann und möchte nicht in meinem Sein als Mensch verletzt werden. Das ginge für mich zu weit. Das Spiel mit meiner Ehre und Würde fällt für mich daher aus dem Spielrahmen heraus. Einzig mein Stolz ist eine Komponente, die im sorgsamen Rahmen angekratzt werden darf – wenn das entsprechende Vertrauen vorhanden ist.

Ein Beispiel:
Ich bin perfektionistisch. Wenn ich etwas tue, dann möchte ich, dass es gut wird, wohingegen mich halbherzige Sachen nicht schlafen lassen.
Durch Fixierungen immobilisiert, gestellte Aufgaben nicht zur Zufriedenheit des Gegenübers erfüllen zu können und dann gesagt zu bekommen, „ziemlich nutzlos“ zu sein, finde ich heiß. Hier weiß ich, dass nicht ich als Mensch nutzlos bin, sondern meinen Aufgaben aufgrund der Fixierung nicht entsprechend nachkommen kann.

Noch ein Beispiel:
Im Alltag bin ich stolz darauf, mich selbst zumeist unter Kontrolle zu haben.
In einer Session mag ich es hingegen sehr, um einen Orgasmus betteln zu müssen, weil „ich es scheinbar so nötig habe“. Nicht weil ich mich grundsätzlich nicht unter Kontrolle habe, sondern weil mich mein Spielpartner weit genug gebracht hat, diese Kontrolle aufzugeben.

Mein Stolz ist in beiden Fällen nur teilweise angesprochen. Damit komme ich gut zurecht. Auch hier mag es genügend Menschen geben, die das anders bevorzugen und handhaben und das ist völlig okay!

Dazu gibt der nachfolgende Satz interessanten Input für ein Setting im Kontext BDSM.

Der Akt der Demütigung enthält erniedrigendes Verhalten anderen gegenüber, Verhalten welches etablierte Grenzen und Erwartungen überschreitet.

Gerade das Kratzen an Grenzen und das Spiel mit Erwartungen kann durchaus verlockend sein, solange eben die Grenzen zuvor abgesteckt wurden und solange zuvor besprochen wurde, welche Grenzen angerührt werden dürfen und welche nicht. Das gilt grundsätzlich und kann auch in Bezug auf Demütigungen Teil eines lustvollen Spiels sein.

Für mich funktioniert Demütigung wie oben beschrieben nur in einem ganz kleinen Bereich. Erniedrigung hingegen liebe ich sehr. Das ist kein Widerspruch.

An der Stelle hilft uns die Redewendung mit den vielen Wegen die nach Rom führen, denn Erniedrigung kann nicht nur durch Demütigung erreicht werden.

Laut Definition ist die Erniedrigung eine Maßnahme oder ein Ergebnis der Verringerung von etwas. Also das Herabsetzen, das geringer Einstufen, das Deklassieren…
All das kann aber nicht nur durch die Verletzung von Ehre, Würde und Stolz erreicht werden.

Ein Beispiel:
Ohrfeigen würde ich im Alltag niemals durchgehen lassen.
Im BDSM bekomme ich sie gern, weil allein die Tatsache, dass mein Gegenüber sie mir geben darf, dieses Gegenüber auf eine höhere Stufe stellt, als ich es in dem Moment bin. Das Gleiche gilt für Schläge und fürs Anspucken.

Noch ein Beispiel:
Nicht im Bett schlafen zu dürfen, sondern stattdessen die Nacht im Käfig oder auf dem Boden zu verbringen, setzt mich für diese Zeit auf eine niedrigere Ebene als es der dominante Part ist.

Ich kann alles davon hasslieben und alles davon hat für mich einen ganz eigenen Reiz. Nichts davon demütigt mich allerdings, weil nichts davon im Kontext BDSM an meiner Würde, meine Ehre oder meinem Stolz kratzt. (Im Alltag wäre das definitiv etwas Anderes!)

Aber all das ist eben nur mein ganz persönliches Empfinden. Manch anderer mag sich zum Beispiel durch die Behandlung „wie ein Tier“ gedemütigt fühlen. Manch einer findet es vielleicht demütigend in aller Öffentlichkeit in eine Windel pinkeln zu müssen, weil Dom:me das so möchte. Andere wiederum finden es demütigend, ohne Unterwäsche das Haus verlassen zu müssen.

Da also von Mensch zu Mensch verschieden ist, was als demütigend empfunden wird, macht das BDSM einerseits noch bunter als es ohnehin schon ist. Andererseits bedeutet diese Vielfalt eine Unmenge an Stolperfallen, die – mal wieder – durch rege Kommunikation und Offenheit untereinander umgangen werden kann. Gerade wenn es um das Spiel mit Grenzen geht – insbesondere die, die uns als Menschen ausmachen – ist Kommunikation ein absolutes Muss. Alles andere würde auf Kurz oder Lang zu tiefen Verletzungen führen, die Lindner sogar in ihre Definition aufgenommen hat.

Welche Grenzen dürfen berührt werden, an welche darf nicht einmal eine Annäherung erfolgen?
Welche Erfahrungen gab es im Vorfeld, wie haben sie sich angefühlt?
Wie fühlen sich Phantasien im Kopfkino an und besteht die Möglichkeit, dass die Realität durch zuvor Erlebtes das Kopfkino im worst case in einen Gruselfilm verwandeln könnte?

Abschließend möchte nun die angedeutete Frage vom Beginn des Textes aufgreifen.
Ist im Hinblick auf die unterschiedliche Wahrnehmung und die persönliche Auslegung von Aspekten die demütigen eine Unterscheidung zwischen „Demütigung“ und „Erniedrigung“ überhaupt notwendig? Ist es wichtig zu wissen, ob eine Praktik oder ein Verhalten nun erniedrigend oder auch demütigend ist? Oder ist das alles Erbsenzählerei?

Mir zumindest hilft die Unterscheidung, um genauer abgrenzen zu können, was ich mag und was nicht.
Sie hilft mir im Gespräch mit meinem Gegenüber deutlicher vermitteln zu können und mich auszudrücken. Warum kann ich manche Dinge zulassen, die für andere undenkbar sind, lehne aber anderes ab, was von vielen anderen gelebt und geliebt wird? Was machen diese Dinge mit mir und meinem Gefühlsleben und was machen sie mit mir als Menschen?

Was meint ihr? Wie schaut es bei euch aus und wie denkt ihr darüber?

Lasst es mich gern wissen.

Eure Cate

2 Kommentare zu „Über Erniedrigung und Demütigung

  1. Dein Text ist gut überlegt.
    Trotzdem habe ich den Unterschied zwischen Demütigung und Erniedrigung noch nicht ganz verstanden. Dass Demütigung mit Gewalt und Schmerz zu tun hat, halte ich schlicht für falsch.
    Die Aussage „Du bist schlecht, hässlich und genügst mir und allen andern nicht“, ist gewaltfrei und dennoch demütigend.
    Wenn der Lover meiner Frau auf mich uriniert und ich von beiden angespuckt werde, das ist auch ohne Gewalt, aber sehr erniedrigend.

    Gefällt 1 Person

    1. 🌹Laut Definition KANN Demütigung Zwang beinhalten. Muss aber nicht.
      Über Schmerz sagt sie nichts aus.
      Auch mit der Sprache kann Gewalt ausgeübt werden. Im Gegenzug gibt es beispielsweise viele Seminare zur gewaltfreien Sprache.
      „Du bist hässlich“ ist beispielsweise nicht gewaltfrei.
      Die Einblicke von dir finde es sehr spannend und ein toller Input zum Thema individuelle Einschätzung und Bewertung.

      Gefällt 2 Personen

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