Von Vielfalt und Datenschutz

Twitter und eben auch die Kinky-/BDSM-/sexpositive Bubble sind in vielerlei Hinsicht relativ heterogen.

In meiner kleinen, aber bunten Timeline bekomme ich täglich Einblicke in die verschiedensten Beziehungskonstellationen und –konzepte, über die vielfältigsten Wege Sexualität auszuleben und sich selbst zu entdecken, beziehungsweise zu erleben.

Das ist toll. Es hilft mir zu lernen und zu verstehen und ich liebe das.

Heterogen ist es aber auch in gänzlich anderem Bezug. Da gibt es zum einen Accounts, die sich ausschließlich im „Bubblethema“ bewegen und die den Fokus Sex und Kink und BDSM nicht verlassen. Aber auch das genaue Gegenteil ist der Fall. Mir fallen auf Anhieb weniger als eine Hand voll Menschen ein, die auch über deutlich längere Zeit dem ursprünglichen Grund der Anmeldung im ausschließlichen Inhalt treu geblieben sind, die also ein reiner Sex-/BDSM-/Kink-Account geblieben sind. (Ohne Wertung!)

Viel häufiger – und so ist es bei mir ja auch – mischen sich persönliche, berufliche, zwischenmenschliche Dinge unter die Tweets. Da gibt es Straucheln, Umzüge, Unsicherheiten, lustige Pannen, Schicksalsschläge, Nachwuchsnachrichten, Echauffierungsbeiträge über das Weltgeschehen… Und alles das macht in meinen Augen die Vielseitigkeit aus. Das Beim-Thema-Bleiben UND das Mischen.

Der Punkt um den es mir heute gehen soll, ist allerdings ein anderer. Scrolle ich durch die Timeline, sehe ich bei den Avataren Lippen, Augen, Beine, Kink-Accessoires, ein paar primäre und sekundäre Geschlechtsteile … und Gesichter. Ganze Gesichter. Manchmal sogar mit Klarnamen.

Es ist toll für jeden, der sich weniger Gedanken darum machen muss, ob der Job und das nähere Umfeld weiß, was die Person so auf Twitter tut und schreibt. Es ist toll, wenn die Stolpersteine gering genug erscheinen, um sich so offen zu zeigen oder wenn der Auftritt als Statement für mehr Offenheit und Öffentlichkeit funktioniert. Es ist toll, wenn mit dem Weg durch die Wand eine potentielle Angriffsfläche einfach eingerissen wird.

Das funktioniert aus verschiedensten Gründen aber nicht für alle und in der Theorie ist das wohl den meisten auch irgendwie klar. Zumindest jedoch herrscht eine Art Grundtenor, dass zumindest jeder selbst entscheiden kann und soll, wie viel preisgegeben wird.

So weit so klar.

Was passiert aber, wenn weitere Personen ins Spiel kommen? Wenn in Gesprächen Informationen verschiedenster Art ausgetauscht werden und sich im kleinen Rahmen das Bild eines Vogels erweitert. Wenn es zu Treffen kommt, zu Besuchen, wenn nicht öffentlich kommunizierte Dinge im Privaten miteinander geteilt werden…

Ich kann mir beim Schreiben geradezu bildhaft vorstellen, wie die meisten Lesenden wohl voller Überzeugung denken „What happens in Vegas, stays in Vegas!“. Manch jemand fühlt aber vielleicht auch ein kleines schuldbewusstes Zwicken, weil eben doch schon mal eine Info durchs Netz geflutscht ist. Das ist okay. Das schlechte Gewissen ist okay, weil es hoffentlich zukünftig daran erinnert, mit den Daten anderer sorgsamer umzugehen.

Zum persönlichen Teil:

Ich weiß, dass ich bei vielen Dingen schon ein wenig paranoid bin. Ich verschicke Briefe und Pakete nur dann, wenn ich in einer anderen Stadt bin, ich kommuniziere mit den Menschen die mir am nächsten sind nicht oder nur minimal öffentlich, persönliche Dinge twittere ich mitunter erst Tage oder Wochen später, damit Rückschlüsse schwerer möglich sind… Und und und…

Vielleicht ist es dumm zu glauben, doch ich bin ziemlich sicher, dass auch andere Vögel das eine oder andere davon zeitweise auch tun.

Um zur Heterogenität zurückzukehren: es gibt sicher auch Menschen die einen Scheiß davon machen und ganz offen und frei heraus twittern, was und wann es ihnen in den Kopf kommt. Aber auch hier tun sie das, weil sie selbst das so entscheiden.

Vermutlich sind wir uns im Großen und Ganzen einig, dass es nicht okay ist, Daten und Informationen mutwillig zu verteilen.

Zu erwähnen, wer alles zum illustren Kreis der persönlichen Bekanntschaften zählt, ist das eine. Im Nebensatz fallenzulassen, mit wem man selbst schon mal etwas laufen hatte, ist eine ganz andere Hausnummer, wenn nicht alle Beteiligten ihre Zustimmung zur Verbreitung der Nachricht gegeben haben.

Das passiert immer wieder und führt in meinem Fall zum sofortigen Schaffen von Distanz. Dass die Information über etwas derart Intimes – bei dem Vertrauen eine so wichtige Basis spielt – aus Versehen geteilt wird, halte ich persönlich für eher unwahrscheinlich. Warum also dann? Ist es Profilierung? Das Aufpolieren des eigenen Egos und der Versuch, die von anderen wahrgenommene Attraktivität zu steigern? Begehrlichkeiten zu wecken? I don’t get it.

In diesen Fällen ist zumindest ziemlich gut sichtbar und eindeutig, wem besser keine wirklich privaten Details in die Hände fallen sollten, wenn man sichergehen möchte, dass sie auch privat bleiben.

Wo allerdings auch das Radar Alarm schlagen sollte, sind Kommentare die implizieren, dass dort Informationen zu finden wären. (Konjunktiv)

„Ich kenne von vielen hier den Klarnamen.“

„Oh da weiß ich, wo der wohnt.“

„Klar, die hat noch ein Business-Profil hier!“

Auch wenn es häufig vielleicht nur unüberlegt dahingesagt sein mag, frage ich mich… warum?! Ist da wirklich das Gehirn kurzzeitig in eine Art Ruhemodus gewechselt?

Ich möchte ausdrücklich betonen, dass nicht jeder Mensch, dem sowas rausrutscht, boshafte Gedanken hat! Persönlich gehe ich aber auch da lieber einen Schritt zurück, weil ich eben nicht weiß, was vielleicht noch geteilt wird, was vielleicht noch „rausrutscht“. Davon, ein Info als ganz bewusste Drohung fallenzulassen, sprechen wir besser gar nicht erst.

Darauf hinzuweisen, vorsichtig mit dem zu sein, was man von sich selbst teilt und preisgibt, ist das eine und ich denke, die meisten wissen das auch und bemühen sich zumindest, bis zu einem bestimmten Punkt, darauf zu achten. Dass es nicht immer gelingt ist klar, dass ab einem gewissen Grad an Vertrauen auch mehr miteinander ausgetauscht wird, ebenso.

Worauf ich hinaus möchte, ist folgendes:

Wenn uns jemand etwas über sich selbst mitteilt, ist das ein Geschenk. Ein Stück Vertrauen, das wir nicht missbrauchen sollten. Ist es dann nicht aber auch unsere Aufgabe, gut darüber zu wachen und auf die Daten aufzupassen und sie zu (be-)schützen? Zumindest sollte uns klar sein, dass nur die Person die es selbst betrifft darüber entscheiden darf, wer diesen kleinen Schatz noch in den Händen halten darf.

Soweit die romantisierte Theorie, soweit so unrealistisch – ich weiß.

Zumindest sollten wir aber darüber nachdenken.

2 Kommentare zu „Von Vielfalt und Datenschutz

  1. Da sind wichtige Punkte darunter. Ich lasse ja manche Tweets darum, wenn ich sie am PC schreibe, absichtlich mittels Zufallsgenerator auf ein zufälliges Datum vordatieren, an dem sie dann gepostet werden. Sodass mein Tweeten darüber keine Rückschlüsse zulässt.

    Es gibt ja aktuell den Trend, Listen anzulegen mit Leuten, die wesen „schon mal im Real Life getroffen hat“, um somit eine Art Schutz für andere zu gewährleisten. Nach dem Motto „Der Person stand ich mal gegenüber, die gibt es zumindest in echt auch“. An sich kein schlechter Gedanke, aber der Schritt zu den „Mit diesen Leuten hatte ich mal was“-Listen ist dann tatsächlich auch nicht weit.
    Ich fühle mich weil ich nicht date, immer etwas außen vor in Teilen der Bubble und hatte bei diesen Listen ein dumpfes Unwohlgefühl, aber dein Beitrag bestätigt mich dann doch in vielem.

    Es ist letzten Endes ein Balance-Akt zwischen Vertrauen, (Selbst-)Schutz und Schutz vor Doxxing.

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