Nein, dafür entschuldige ich mich nicht!

Schon wenige Minuten nach dem Posten der Umfragen schrieb ich, dass ich mich noch nie so unwohl mit einem Tweet gefühlt habe.

So langsam weiß ich, wie Twitter funktioniert und ja, ich wusste, was passieren wird. Die komplette Palette an Emotionen, Nachrichten, Nachfragen und Angriffen war dabei.


Aber von vorn.

Warum überhaupt diese Umfrage posten?

Gestern bin ich mehr oder weniger in eine Diskussion (kann man das so nennen?) geschlittert, in der über „Gründe“ gesprochen wurde, nach denen es nicht richtig sei, trans Personen den Zugang zu allen Rechten, Pflichten und Möglichkeiten ihres gewünschten und empfundenen Geschlechts zu gewähren.

Ich werde an der Stelle diese „Gründe“ nicht wiedergeben. Es sind die Gängigen, die immer wieder vorgeschoben werden, um Segregation zu rechtfertigen.
Ein Thema jedoch war das „Sicherheitsbedürfnis von Frauen“, welches gewahrt werden müsse, weil sich (und nun folgen Zitate, also zerreißt mich bitte nicht) „Männer in Frauenklamotten auf Frauenklos schleichen können, um dort übergriffig zu werden“.

Entschuldigung, aber daran ist einfach so viel falsch. Es ist derart üble Propaganda, dass ich nicht weiß, wo ich anfangen soll. Wenn ihr Näheres darüber wissen möchtet, woher diese Diskussionsansätze kommen, befragt die Suchmaschine eures Vertrauens nach TERF (Trans-Exclusionary Radical Feminism = Trans-ausschließender radikaler Feminismus) und deren Ursprüngen. Was ihr dort lesen werdet, ist geprägt von Hass, Ausgrenzungsbemühungen, Respektlosigkeit, Intoleranz und und und

Es gibt so viele wundervolle Accounts im blauen Wald von denen man lernen kann. Ich lese, mit welchen Problemen Menschen außerhalb des cis-Spektrums täglich zu kämpfen haben und ich maße mir sicherlich nicht an zu behaupten, ich könnte nachempfinden, was all das mit diesen Menschen macht, wie sehr es schmerzt und wie viel Kraft es kostet. Aber ich lese und lerne und verstehe. Ich versuche, meinen Teil dazu beizutragen, dass die Welt offener und respektvoller wird.

Warum also diese Umfrage?
Ich wollte sehen, wie der Grundtenor klingt, weil ich persönlich nicht glauben kann und möchte, dass es der Mehrheit aufstößt, eine optisch erkennbare trans Person auf der Toilette zu treffen.
(Ganz davon abgesehen, ob und woran „man“ es denn überhaupt erkennt.)

Einigen Vögeln ist meine Umfrage aufgestoßen. Warum? – Eine Erklärung (?)

Es ist nicht meine erste Umfrage und mir wurde oft genug vorgeworfen, ich würde Tweets und Fragen so stellen, dass anhand der Fragestellung bereits ersichtlich wäre, welchen Ausgang ich mir erhoffe.
Darum habe ich die Ausgangsfragen so neutral wie möglich gestellt.
„Stört es euch, wenn…“
Suggestiv wären diese Fragen gewesen:
„Euch stört es doch auch nicht, wenn… oder?“
Bzw.
„Euch stört es doch auch, wenn… oder?“

Die Frage, die ich gewählt habe, ist neutral. Ich habe nicht einmal in Replies meine persönliche Meinung dazu abgegeben, damit auch dort keine Verzerrung entsteht. Der einzige Weg, meine Meinung abzuleiten besteht demnach darin, meine vorherigen Unterhaltungen zu dem Thema zu betrachten.

Mir ist bewusst, dass innerhalb „Meiner“ Bubble ein gewisses Meinungsbild inhärent ist. Hätte ich die Frage in der AFD-Politbubble oder der TERF-Bubble getwittert… Nun vielleicht wäre das Ergebnis ein anderes gewesen. Vielleicht auch nicht, denn sie wurde geteilt und hatte Zeit zu „reifen“.

So viele Kommentare unter dem Tweet gingen in diese oder eine ähnliche Richtung:

Dafür bin ich dankbar.

Mir ist durchaus bewusst, dass das Thema Diskussionen befeuert und auch eine neutral gestellte Frage Unmut aufwerfen kann. Zumindest solange man mir (hier trans exkludierende) Meinungsmache vorwirft.
Hier sind wir wieder bei der Lebenswelt, in der Menschen täglich für ihr Recht kämpfen, als gleichwertig mit Bedürfnissen und Wünschen anerkannt zu werden. Weil ich das weiß, habe ich mich bemüht, jede Unterhaltung deeskalierend zu führen. Ich habe mich und die Umfrage erklärt oder es zumindest versucht.

Ich kann nicht erwarten, dass jeder Mensch, der die Umfrage sieht, mich, meine Meinung oder den Account kennt. Darum ärgere ich mich nicht über die Blocks und Anfeindungen, die erfolgten, bevor ich überhaupt die Chance hatte, etwas zu sagen. Auch diese Reaktionen verstehe ich bis zu einem gewissen Punkt, weil es Menschen gibt, die sich schützen und versuchen von allem abzukapseln, was vermeintlich gegen diese Bedürfnisse, Wünsche und Rechte spricht.
Es ist furchtbar genug, dass ganz offenbar so viel Hass und Intoleranz vorherrscht, dass Block und oder Angriff vor dem Diskurs stehen.

Ich bin dankbar für alle Menschen, die in meine DMs kamen und nachfragten, wie ich auf die Idee käme, so etwas zu fragen. Ebenso für alle, mit denen ich unter dem Tweet sprechen konnte.

„Wie kann man nur so eine dumme Frage stellen.“

Die Frage ist nicht dumm. Alles andere als das, denn zumindest innerhalb der Gruppe die geantwortet hat, scheint es kaum Störgefühle diesbezüglich zu geben und damit widerspricht das Ergebnis der Umfrage exkludierendem Gedankengut aufgrund eines vorgeschobenen Sicherheitsbedürfnises. Wissenschaftlich ist das nicht, aber es bildet zumindest einen kleinen Teil der Meinungen ab. Sollte ich nun also erneut eine Diskussion über Zu- oder Unzulässigkeit der Anerkennung von Rechten lesen, die diesen Grund vorschiebt, werde ich das Ergebnis nutzen.

Wenn Schweigen Zustimmung bedeutet, dürfen wir nicht leise sein. Wir müssen Krach machen. Insbesondere dann, wenn Menschen, die von Ausgrenzung betroffen sind, aus Selbstschutz schweigen.

Danke!

4 Kommentare zu „Nein, dafür entschuldige ich mich nicht!

  1. Dieses Thema mit dem „Schutz der Frauen“ ist ein leidiges. Und es kommt immer wieder auf, in allen möglichen Zusammenhängen. Leider passiert es selbst gebildeten, an sich toleranten und weltoffenen Menschen (ich denke hier einmal an J. K. Rowling), nicht zuletzt aufgrund eigener Gewalterfahrungen und Ängste, dass sie sich in dieser Spirale verlieren und der Trans-Frau dann den „bösen Mann in Verkleidung“ gegenüberstellen. Vermutlich ein harter Schlag ins Gesicht für viele transidentitäre Menschen, die selbst innerhalb der LGBTQ+ Community als besonders stark diskriminiert und Gewalt ausgesetzt gelten.
    Als ob eine Frau (egal ob CIS oder nicht) nicht genauso eine andere am öffentlichen WC belästigen, bedrohen oder gar vergewaltigen könnte. Als ob ein Mann in Verkleidung nicht auch dort lauern könnte, wenn Trans-Menschen der Zugang untersagt wäre. Als ob Gewalt nicht auch außerhalb dieser Toilette passieren könnte.
    Es ist eine befremdliche Angst, die wir Männer zu verbreiten scheinen. Und in jeder Diskussion aufs Neue schmerzhaft für jemanden, der sich selbst nie als gefährlichi erlebt hätte.

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    1. 🌹Zu JKR kann ich nicht viel sagen, da ich mich mit dem Ursprung ihrer Meinung bislang nicht gründlich genug auseinander gesetzt habe.

      Zum Rest: ja. Und Argumente wie „von Frauen ist das aber seltener“ usw möchte ich nicht gelten lassen.

      Ja, ich kann mir vorstellen, dass es schmerzhaft ist und ich hoffe sehr, dass sich die Gesellschaft da öffnet.

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  2. Dieses „Wie kann man das *NICHT* so sehen?“ begegnet mir auf Twitter, vor allem in gewissen Bubbles, sehr, sehr häufig. Früher fand ich das schade, heute find ich es sehr zuvorkommend, dass die betreffenden Leute selber ihre Warnschilder anbringen.

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    1. 🌹😅 So kann man das natürlich auch sehen.
      Klar hat jede Person eine eigene Meinung und vertritt die zumeist auch, aber ja, es hilft schon deutlich zu unterscheiden wo man öfter lesen möchte und wo man es sich besser spart, um Nerven und Zeit zu schonen.

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