Über Misstrauen und Selbstschutz

Tweets wie dieser regen zum Nachdenken an. Mich auch. Über die Replies, aber eben auch darüber, wie meine eigene Antwort ausfallen würde und an diesem Punkt stand sie relativ schnell fest.
Nein! Ganz einfach.

Ich würde mir nicht vertrauen, würde ich mich selbst im Twitter oder auf Insta oder wo auch immer kennenlernen. Das klingt sogar in meinem Kopf zunächst erstmal so, als würde ich mich selbst nicht als vertrauenswürdig ansehen und das könnte man so stehenlassen.
Ich bin kein Psychopath – haha, welcher Psychopath würde das auch zugeben – und ich bin niemand, der mit Dingen, die er über Dritte erfahren hat, hausieren geht. (Okay, das sagen wohl auch die meisten über sich.)

Das fehlende Vertrauen meinem potentiellen Double gegenüber fußt nicht auf den Tatsachen, die ich ja als ICH über mich weiß, sondern vielmehr auf einem nicht vorhandenen Grundvertrauen in jeden Menschen, den ich online kennenlerne. Das ist natürlich mein ganz persönliches Problem, weil ich es mir damit auch schwer mache, neue Bekanntschaften zu schließen. Von Freundschaften wage ich kaum zu sprechen. Aber es hat eben auch den Effekt, dass es relativ schwierig wird, mir die Finger zu verbrennen. Nicht ausgeschlossen, aber schwierig.
Aus verschiedensten Gründen teile ich bestimmte private Dinge eben nicht und bin – denke ich – eher vorsichtig, was meine persönlichen Daten betrifft. Vermutlich könnte man dennoch schon einiges aus meinen Tweets herauslesen, wenn man es denn wollen würde. (Keine Aufforderung, bitte danke!)

Nun bin ich schon eine ganze Weile bei Twitter unterwegs und DMs bleiben nicht aus, wenn sie für alle freigeschaltet sind. Was mich wirklich verwundert – einfach weil ich es schlichtweg nicht verstehe – sind die mitunter sehr offenen Nachrichten die ich bekomme. Halbe Lebensgeschichten, persönliche Probleme, Tragödien, Daten die den Absender eindeutig identifizierbar machen. Klarnamen, Kinderfotos, Arbeitgeberinfos, private Emailadressen, Telefonnummern… Daten, mit denen viel Mist gemacht werden könnte.
Mitunter bekomme ich all das, ohne lange im Gespräch mit den Menschen zu sein. Nicht alles und nicht immer. Aber oft genug Bruchstücke davon.

Woran diese relative Offenheit liegt, ist vielseitig und sie ist okay. Schlussendlich ist es nicht meine Aufgabe, mein Gegenüber daran zu erinnern, wozu Datenschutz gut ist. Wir sind alle erwachsen. Dennoch verweise ich sowohl öffentlich als auch in den DMs immer wieder darauf, dass man nie sicher sein kann, wer am anderen Ende sitzt. Ist es Cate, irgendwas in den Dreißigern, Mutter, Fickstück? Oder doch Günther, der Truckerfahrer mit Bautzner Senf bekleckertem Feinripp-Hemd?

Während ich also kaum etwas Privates fallenlasse, aus dem irgendwie mehr herauszulesen wäre, sind andere sehr offen und geradezu freizügig, was ihre persönlichen Daten betrifft. Auch dann, wenn ich klar kommuniziere, dass von mir nicht mehr kommen wird.

Ich verstehe es nicht. In einem Raum, in dem täglich so viel Schindluder getrieben wird, in dem wir täglich der Verwendung von Tracking-Daten und Ähnlichem zustimmen müssen, in dem der Schutz persönlicher Daten gesetzlich geregelt wird, schmeißen manche Menschen diesen Schutz in Chats mit ihnen unbekannten Menschen zum Fenster raus.

Ja… das Vertrauen. Aber warum? In was? Ein paar tausend Follower sollten keine Basis für Vertrauen sein! In Bilder? Aber sind das wirklich meine?

Hinzu kommt, dass Twitter nicht vergisst. Insbesondere der private Chat hat seine Tücken, denn dort können Nachrichten nicht mal eben gelöscht werden, wenn man getroffenen Aussagen nicht mehr zustimmt und sich Meinungen oder Beziehungen verändert haben. Man kann geteilte Informationen nicht einfach löschen.

Alles was Sie sagen kann und wird beim nächsten Beef gegen sie verwendet werden.

Dass es leider so abläuft, hat die Vergangenheit oft genug gezeigt. Und da hilft es auch erstmal nicht, sich auf das Recht auf informationelle Selbstbestimmung und Persönlichkeitsrechte zu berufen. Schaden ist schnell angerichtet, Inhalte per Screenshot noch schneller geteilt.

Ich würde mir nicht vertrauen, weil ich das grundsätzlich erstmal nicht tue, wenn ich Menschen kennenlerne. Für mich ist Vertrauen etwas, was sich über längere Zeit aufbauen muss und insbesondere in der Startphase ist es ein sehr fragiles Bauwerk, was durch nur sehr geringe Erschütterungen in sich zusammenfällt.

„Ich hab dich bei Xing/ JoyClub/ Fetlife gesucht…“
„Hey auf dem einen Bild im Hintergrund…“
„Dein Schreibstil kommt mir so bekannt vor. Im Studium saß ich neben dir…“
„Ich habe deine Likes verfolgt. Da war der Hashtag Stadtxyz oft vertreten…“
„Na, kennst du mich noch?“

Nachrichten, die bei mir dazu führen, dass alle Alarmsirenen laut losschreien, die Schotten hochgefahren und die Raketenabwehr in Position gebracht wird. Aber es ist gut, wenn jemand sowas schreibt. Ich für meinen Teil weiß dann, dass es nie ein tiefergehendes Gespräch mit dieser Person geben wird. Natürliche SMelektion sozusagen.

Es gibt nicht viele Menschen, die ich bislang durch Social Media tiefer in mein Real-Life gelassen habe und bei allen anderen bin ich eigentlich immer eher vorsichtig, was ich schreibe, sage oder teile. Manchmal kommt es mir so vor, dass die meisten Leute das anders halten und das ist völlig okay. Wie gesagt… wir sind alle erwachsen. Ich hoffe nur sehr, das all diejenigen damit nicht irgendwann ganz böse auf die Nase fallen werden. So ein Sturz ist meistens recht schmerzhaft. Insbesondere, weil er in den meisten Fällen vermeidbar gewesen wäre.

Woran macht ihr fest, ob und wann ihr vertraut?
Bauchgefühl? Und kann man dem vertrauen?
Grundsätzliche Offenheit? Grundsätzliche Vorsicht?
Dauer der Interaktion?
Ausgewogenheit von getauschten Informationen? Und sind die überhaupt echt?
Sind wir allgemein zu leichtgläubig? Zu vorsichtig?

Ich überlege noch…

10 Kommentare zu „Über Misstrauen und Selbstschutz

  1. Ich habe zum Teil tatsächlich die Erfahrung gemacht in den letzten zwanzig Jahren, dass das Zeigen von eigenen Informationen oft als Druckmittel dienen soll. „Schau, jetzt weißt du, wie ich aussehe / wo mein Haus wohnt / wie du mich auf WhatsApp erreichen kannst. Nun fordere ich das Gleiche auch von dir ein. Wie – willst du nicht geben? Aber du hast doch meins als Pfand, du bist mir diese Information nun also schuldig“ und ja, das sind für mich absolute Red Flags.
    Zumal es keine Garantie gibt, dass die unsolicited information überhaupt echt ist.
    Dass sich Leute zum Teil ganze Biografien auf Twitter zusammengeklickt haben und dann damit schlimme Absichten fuhren, ist ja immer mal wieder auch aufgeflogen. Dass du also als außenstehende Person erst einmal auch dem eigenen Profil mit einem gesunden Grundmisstrauen begegnest, ist mehr als verständlich.

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    1. 🌹Dieses Erzeugen von Druck kenne ich leider auch nur zu gut. Und ja, das ist auch bei mir eine absolute Red Flag. Ich befürchte aber, dass es Menschen gibt, die dabei einknicken und das ist furchtbar.
      Ich kenne auch ein paar, die aufgrund dessen ihren Account geschlossen haben, um ein Stück weit Sicherheit zurückzubekommen.

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  2. Ich habe deinen Frage-Tweet gelesen und überlegt, ob ich darauf antworten soll. Aber ich hatte keine Antwort. Ich weiß nicht, ob ich mir online vertrauen würde.

    Ich habe im Leben viele Menschen online kennengelernt. Auch solche, die mir eine Zeit lang sehr nahe standen oder es noch immer tun. Und da bin ich grundsätzlich jemand, der eine gewisse Portion an Vertrauen und Offenheit vorschießt und hofft, dass sie erwidert wird. Falls nicht, ziehe ich mich meist irgendwann zurück und verliere das Interesse.

    Wobei ich Vertrauen auf keinen Fall mit der Preisgabe persönlicher Daten gleichsetzen würde. Das ist etwas völlig anderes. Du weißt, dass ich mit meinen Daten sehr vorsichtig bin. Vorsichtiger als du. Und dabei geht es mir nicht nur darum, dass Personen im Internet zu viel über mich lesen, sondern vor allem auch Staaten und Firmen. Du schreibst, dass wir täglich dem Daten-Tracking zustimmen. Ich tue das nie. Zumindest nicht auf meinen privaten Geräten. Auch würde ich mir niemals eine Alexa ins Wohnzimmer stellen, weil ich weiß, dass sie jedes Wort hört. Aber ich weiß auch, dass ich viel mehr tun und mich viel mehr schützen könnte. Es ist immer ein Abwiegen zwischen Komfort und Sicherheit.

    Aber zurück zu den Fremden im Internet und ihren Identitäten. Ich glaube, dass ich über die Jahre ein gutes Gespür dafür bekommen habe, wenn jemand nicht ehrlich ist. Wenn etwas ein Fake-Profil ist. Ich glaube, dass ich da nur noch selten bis nie danebenhaue. Und ich deinem Fall bin ich mir zu über 99 Prozent sicher, dass du nicht Detlef (wenngleich wohl auch nicht Cate) bist. Den Bautzner-Senf am Hemd könnte ich mir vorstellen, da ich mich zu erinnern glaube, dass du die Marke magst. Und ob du einen Truck fährst, weiß ich nicht. Ist mir auch wurscht. Ich schätze dich in unseren Gesprächen als ehrlich ein. Ich habe keinen Grund, das nicht zu tun. Und wenn ich Hinweise darauf hätte, dass du Bullshit redest (mir fallen widersprüchliche Aussagen durchaus schnell auf), würdest dus erfahren.

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  3. Ich gehe da mehr über mein Bauchgefühl und über die Inhalte die ich von anderen lese.
    Und warum macht es mich angreifbar wenn ich mich als sexpositiv oder als devoter Mann zeige.
    Ich kann gut damit leben, Dir, zum Beispiel, zu vertrauen.

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    1. 🌹 Ja, den Ansatz versteh ich sehr gut.

      Mich macht es angreifbar, weil ich in einem eher konservativen Umfeld lebe, weil ich die Ableger schützen muss und weil es leider auch auf Twitter immer Menschen geben wird, die ein gesamter gesagtes Word so umdrehen wollen, dass es verletzt.

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  4. Ich setze mal an einem anderen Punkt an: Wir alle spielen verschiedene Rollen im Leben. Deine Twitter-Identität (oder meine) ist mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht 100 % die gleiche Identität, die du bei der Arbeit/Partnerschaft/Eltern usw. hast.
    Von daher: Ich kann dieser Twitter-Identität in einem gewissen Rahmen trauen und komme ihr mit meiner Twitter-Identität entgegen. Das heißt aber nicht, dass ich andere Fakten (aus anderen Bereichen) preisgeben muss und werde.
    Warum tun manche Menschen das trotzdem? Ich glaube, dass viele sehr einsam sind, dann gibt es andere, die so vor Selbstbewusstsein (Überheblichkeit) strotzen, dass sie glauben, unangreifbar zu sein. Jeder hat vermutlich eigene Gründe, DIE Begründung dürfte es nicht geben.

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