Über Schnee und Submission

Viele von uns kennen die Urban Myth über die 40 Synonyme für Schnee in den Sprachen der Inuit. Verhält es sich mit den Begriffen Sub und Bottom ähnlich? Meinen sie das Gleiche?

Wer schon länger im blauen Wald unterwegs ist, erkennt hierin eine gewissen Groundhog-Day-Dynamik und verdreht womöglich schon die Augen. Tatsache ist allerdings, dass sich an diesem Punkt die Geister scheiden. Nicht in der Sinnhaftigkeit einer Unterscheidung an sich, sondern wohl eher in der Verbissenheit einer Deutungshoheit.

Fangen wir von vorn an.

Ist es wichtig, zwischen Bottom und Sub zu unterscheiden?

Ganz klare Antwort: Jein!

Es gibt zahlreiche Definitionen, die mal enger, mal weiter gefasst sind. Ich versuche an der Stelle (ohne Anspruch auf Vollständigkeit) den gemeinsamen Kern der einzelnen Aussagen zusammenzufassen.

Bottom: ist im Grunde der passive Part, der vom aktiven nimmt oder erhält.
(Jetzt können wir uns streiten, wie passiv es ist einen Blowjob zu geben oder zu lecken oder oder oder, aber ich denke ihr wisst, was ich sagen möchte.
Das kann submissive Anteile haben, muss es aber nicht.  
Ich kann den Klaps auf den Arsch mögen, weil es mich anmacht. Das heißt noch lange nicht, dass ich Top die Freiheiten gebe, Schläge für beispielsweise Bestrafungen einzusetzen. Oder überhaupt Strafen zuzulassen.
Kurz gesagt:
Ich kann mich hart ficken lassen, ohne dass ein Machtgefälle von Nöten ist.

  • Egal, ob Submission (Unterwerfung) im Spiel ist, nehme ich den Part des Bottom ein, wenn ich im zwischenmenschlichen Spiel (meist im Zusammenhang mit Sex) eher passiv unterwegs bin und nehme.
  • Bottom definiert nicht zwangsläufig, ob dieses Spiel auf Augenhöhe oder im Machtgefälle stattfindet!

Die Position des Bottom ist nach verschiedenen Definitionen dann beendet, wenn das Spiel vorbei ist.

Sub: Während sich „Bottom“ als Begriff lediglich auf die Position im Spiel bezieht, meint Sub Menschen, die es vorziehen, die Kontrolle über einen bestimmten Teil des Lebens auch außerhalb eines Spiels oder einer Session abzugeben.

Beispiel anhand von sexueller Kontrolle:

  • Übergebe ich die Kontrolle über meine Orgasmen auch außerhalb vom Sex an jemand anderes und darf mir unerlaubt allein keine eigenen verschaffen, ist das Sub (und Bottom!)
  • Stehe ich auf Tease and Denial während des Sex‘ und lasse mir meine Orgasmen verwehren, weil Top genauso viel Lust drauf hat, werde aber den Teufel tun, mir die auch in meiner Freizeit mit mir allein verbieten zu lassen, ist das Bottom.

Beispiel anhand vom Dienen:

  • Achte ich beim Dom auch im Alltag stets darauf, dass das Trinkgefäß nie leer wird/ die Lieblingsschokolade immer im Haus ist/ das Bett immer aufgeschüttelt ist: Sub
  • Sorge ich „nur“ während des jeweiligen Spiels dafür, dass Top umsorgt und auf jeder Ebene zufrieden gestellt wird: Bottom

Aber auch hier sehen wir, wie schwammig das Ganze sein kann. Ich kann die Lieblingsschokolade auch darum stets im Haus haben, weil ich dem Menschen schlicht eine Freude machen möchte. Das hat dann herzlich wenig mit einem Machgefälle zu tun und sagt nichts über Sub oder nicht-Sub aus. Wenn ich jedoch ein Büchlein habe in das ich einschreiben darf, wenn ich die Schoki vergessen habe zu kaufen und abends dann dafür eine Strafe bekomme… tjanun. Sub!

All das sind Beispiele. Und jede Dom-Sub-Beziehung hat andere Regeln aufgestellt. Es geht dabei um den Eingriff in andere Lebensbereiche, die nichts mit einem jeweiligen Spiel zu tun haben.

Jeder Pinguin ist ein Vogel. Aber nicht jeder Vogel ist ein Pinguin.

Jede:r Sub ist ein:e Bottom. Aber nicht jede:r Bottom ist ein:e Sub.

Und in den Begriffen liegt keinerlei Wertigkeit, was wichtig ist zu betonen. Denn das ist leider etwas, was ich anhand mancher verbissener Replies immer wieder feststelle.

Bottom rein auf Spielebene zu sein ist keine Degradierung. Warum auch? Es sind schlichtweg verschiedene Wege, die eigene Sexualität zu leben. Während der eine Kontrolle auch in anderen Lebensbereichen abgeben möchte, kann oder will die nächste das eben nicht und möchte es auf Spiele oder Sessions beschränken. Ob mit oder ohne submissive Aspekte.
Ich kann demnach eine submissive Bottom sein, ohne Sub zu sein.

Warum ist es denn nun wichtig, das zu unterscheiden?

Wichtig wird es unter anderem dann, wenn man sich hinsichtlich der eigenen Wünsche ausdrücken möchte. Es macht beispielsweise einen Unterschied, ob ich auf einer Kennenlern-Börse (oder bei Twitter… Synonym? 😉 ) angebe, ich sei Bottom oder Sub und auf der Suche nach Top oder Dom:me.

Ganz platt:
Möchte ich im Bett hart gevögelt werden und stehe vielleicht auch auf Spanks oder Breathplay oder andere Spielarten mit Machtgefälle oder bin ich auf der Suche nach all dem UND nach jemandem, der eben auch Kontrolle über andere Teile meines Lebens haben soll?

Bei unklarer Kommunikation kann das im günstigeren Fall zu Enttäuschung und jeder Menge verschwendeter Zeit führen. Im schlechtesten Fall sind Ansprüche und Wünsche so verschieden, dass es als Missbrauch durchgehen kann.

Ein Beispiel:
„Hey ich bin Cate, Sub, suche Dom!“
Bedeutet im Grunde, ich suche einen dominanten Part, der durchaus auch Gefallen daran findet, unter anderem die Kontrolle über meine Solo-Orgasmen zu übernehmen.
(Oder eben einen anderen Teil meines Lebens über den ich die Kontrolle abgeben möchte)

Meldet sich daraufhin ein Top (ohne Dom-Anteile), habe ich vielleicht geilen Sex, bekomme meine Spanks und ein bisschen Breathplay, aber der Mensch möchte eben nicht „überwachen und ggf eine Strafliste führen“, wenn ich mir unerlaubt in meiner Freizeit eben doch Höhepunkte verschaffe.

Das wäre der günstigere Fall.

Bin ich aber eigentlich nicht Sub, sondern eine submissive Bottom (ohne Sub-Anteile) und es meldet sich ein Dom, der mir neben dem geilen Sex und dem Spanking und dem Breathplay Einschränkungen machen möchte, wie oft ich in der Woche ohne ihn kommen darf, welche Farbe meine Slips haben müssen, dass ich abends ein Foto von meiner Pussy zu schicken habe… dann kann das ganz schnell als Übergriff gewertet werden. Ich könnte mich bedrängt und belästigt fühlen und für beide Seiten könnte das übel enden.

Es gibt also definitiv Unterschiede zwischen den Begriffen und ja, sie sollten an den richtigen Stellen auch richtig genutzt werden, um sich und anderen Ärger und Sorgen zu ersparen.
Deutsch ist eine umfangreiche Sprache die gleichzeitig poetisch und präzise sein kann und ja, wir können damit unglaublich viele Nuancen ausdrücken. Dennoch stellt sich mir die Frage, ob es notwendig ist, in einen Tweet mit 280 Zeichen ein ganzes Beziehungskonstrukt hineinzuinterpretieren.

Um nochmal auf den Schnee zurück zu kommen…
Die 40 Synonyme sind eigentlich auch keine Synonyme. Es sind zum einen Bezeichnungen aus verschiedenen Dialekten und zum anderen differenzieren sie eben ein (1) Ding. So wird Schnee zum Beispiel als „igluksaq“ oder als „muruaneq“ bezeichnet. Wobei das erste „Hausbaumaterial“ bedeutet und das zweite „Substanz in die man gewöhnlich tief einsinkt“.

Liebe Grüße
Cate 🌹

7 Kommentare zu „Über Schnee und Submission

  1. Ja, es gibt definitiv Unterschiede, sonst bräuchte man ja auch keine zwei Begriffe, und wie Du richtig schreibst verschwimmen durchaus die Grenzen. Und das nicht nur im Hier und Jetzt sondern auch in der zeitlichen Entwicklung. So wird aus mancher/m Bottom ein/e Sub – Menschen verändern sich. Und auch das habe ich schon erlebt: jemand ist nur Sub in Verhältnis zu einem bestimmten Anderen.
    Die Begriffe sollte man meiner Meinung nach als Ausgangspunkt und grobe Orientierung auf der Landkarte verstehen. Wo dann wirklich das „Land der Sehnsüchte“ liegt, gilt es danach Schritt für Schritt gemeinsam herauszufinden, was seinen ganz eigenen Reiz hat.

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  2. Eine gute Erklärung für Anfänger, danke dafür.
    Ich stimme libertineros zu, denn auch das ist wichtig: Dass das, was für eine Beziehung gilt, nicht unbedingt immer so gelten muss. Dass man gerne als Bottom beginnen darf, um sich zum Leben als Sub zu entscheiden, wenn es passt. Oder andersherum, sollte man eines Tages dessen überdrüssig werden.
    Deshalb halte ich alle Grenzen für fließend, wie immer im Bereich BDSM.

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  3. Danke für deine Worte. Für mich als eigentlich noch nicht einmal Anfänger ist das alles neu und ich lerne soviel. Ich bin submissiv, aber nicht automatisch auch Sub. Aber Bottom möchte ich dann wohl schon gerne sein/werden. Vielleicht liege ich auch falsch. Ich werde es herausfinden.

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      1. Danke Dir. Dieses reine und sehr lange unterdrückte Gefühl nach einer dominaten Frau ist schon so viele Jahre da. Und gleichzeitig wusste ich nie was das bedeutet. Einfach nur Verwirrung und gleichzeitig Ablehung von mir selbst, weil das nicht“normal sein kann“. Danke Dir, ich hoffe das ich herausfinde was für ich richtig ist.

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