Eine Attention Whore (?)

Manche Dinge schwirren als flauschige Wattebällchen durch unsere Köpfe. Vage und in sich unstrukturiert, aber eben existent. Wir wissen, dass sie da sind und sie beeinflussen uns auf die eine oder andere Weise. Unser Denken, unser Handeln, unser Empfinden.

Menschen funktionieren so und das ist okay. Bis wir an den Punkt kommen, an dem wir beginnen uns zu hinterfragen. Weil wir auf Unstimmigkeiten im eigenen Sein stoßen oder von anderen darauf gestoßen werden. Gestern Abend hatte ich einen dieser Momente und bin dankbar dafür.

Da war dieses Gespräch mit einem wundervollen Mann. Offen und direkt. Ich würde jetzt sagen, ich mag beides und das stimmt sogar. Aber Tatsache ist auch, dass ich alles andere einfach nicht kann.

Ich mag es, auf den Punkt zu kommen. Zumindest im direkten Gespräch mit meinem Gegenüber ist mir das wichtig. Und bei diesem Gespräch erwischte ich eben bei der Suche nach einer Antwort eines dieser Wattebällchen. Ein kleines Verknorkeltes, in irgendeiner Farbe, die – wenn man es genau betrachtet – nicht gerade ein gutes Licht auf mich wirft.

Ich möchte keine losen Beziehungen führen.

Das stand für mich schon lange fest. OneNightStands geben mir nichts und auch sehr lockere Spielbeziehungen mit absehbarem Ende tun mir nicht gut. Ich weiß dass das so ist, weil ich es fühle.

Ich habe den Wattebausch beschrieben und hielt nun das Gebilde in der Hand. Grundsätzlich war es nicht die fehlende Ordnung im System, sondern das Konstrukt an sich, dass mir beim Betrachten nicht gefiel. Es fühlte sich nicht gut an und um dahinter zu kommen, warum das so war, musste ich mir das Spinnrad schnappen und dem Knäuel Struktur geben.

Kaum war das Rad in Gange um den Faden zu drehen, erinnerte ich mich an den eher spaßig gemeinten Kommentar eines Bekannten, der mich augenzwinkernd Attention Whore nannte. Weil ich im Spiel gern reize und mein Gegenüber fordere. Die Brat ist zuweilen stark in mir und ich versuche durch Bewegungen und Geräusche die Aufmerksamkeit meines Gegenübers auf mich zu ziehen. Das ist schlicht und ergreifend mein Versuch, ein Stück Kontrolle zu behalten. Nicht weil ich sie will, sondern weil ich teste. Die so gewonnene Aufmerksamkeit gibt mir einen zusätzlichen Kick. Und aus dieser Sicht gefällt mir der Begriff tatsächlich sehr gut.

Aber was genau ist eine Attention Whore im üblichen Sprachgebrauch?

Eine der vielen Definitionen im Netz spricht (zumeist) von Frauen, die auf eine Weise Aufmerksamkeit suchen, die gesellschaftlich als inakzeptabel angesehen wird. Insbesondere dann, wenn sie ihre Weiblichkeit oder Sexualität offen zeigen oder ausleben.
Die Bigotterie dahinter stört mich allerdings gewaltig, denn damit wäre jede Frau, die sich offenherziger zeigt, als es der gängige Standard ist, eine Attention Whore, die es nur darauf anlegt, von anderen Menschen gesehen und bewundert zu werden. Damit wäre die Frau, die im Bürodress (Bleistiftrock, Heels, Bluse) durch die Stadt zu einem Meeting fährt bereits eine AH, weil sie durch ein in einem anderen Kontext sexualisierten Outfit aus der Masse heraussticht.
Damit wäre auch jeder Mensch, der über sein Sexleben redet (online oder real) eine Attention Whore, wenn man davon ausgeht, das Sex noch immer irgendwo ein Tabuthema ist.
Nein! Einfach nur nein!

Zwischen möglichen Definitionen finden sich unter dem Suchbegriff auch zahlreiche Ratgeber in Online-Foren. Größtenteils von PickUp-Artists, die davon ausgehen, dass die zur Schau gestellte Selbstsicherheit nur das Überspielen einer tief verankerten Unsicherheit ist.
(Um bei diesen Frauen zu landen, sei es unumgänglich, sie komplett zu ignorieren, denn nur damit fiele man ihnen in der sie umringenden, schwanzwedelnden Menge von Männern auf! Die Nicht-Aufmerksamkeit sei es schließlich, die sie zu Butter in den Händen PUAs macht!)
Über das eher frauenfeindliche Weltbild das dahinter steckt, sollten wir ein anderes Mal reden.

Wie gesagt, ich bin sehr für Direktheit im zwischenmenschlichen Umgang. Ignoriert mich dort jemand, zeigt mir das schlichtweg Desinteresse und das ist völlig okay. Dann passt es halt nicht. Ich werde diesen Mensch sicherlich nicht um Aufmerksamkeit anbetteln und mich ihm zu Füßen legen, damit er mich doch bitte endlich eines Blickes würdigt.

Aber was heißt das nun? Bin ich einfach keine Attention Whore im üblichen Sinne? Ist das überhaupt ein Label, das man sich geben (wollen) sollte? Immerhin ist es im gebräuchlichen Kontext doch arg negativ besetzt.

Dennoch schwirrt mit der Begriff durch meinen Kopf und scheint sich mit dem angesponnenen Faden in meiner Hand verflechten zu wollen. Also lasse ich ihn weiter durch die Finger gleiten, während ich das Rad ankurble und der Gedanke strukturiert sich.

Es ist der Teil mit der Aufmerksamkeit, bemerke ich. Aber ich möchte als Teil einer wie auch immer gearteten Beziehung nicht darum kämpfen müssen. Ich möchte nicht irgendwas tun müssen, um sie zu bekommen, sondern sie bekommen, weil ich Ich bin. Ich möchte mich nicht verbiegen oder mich immer aufs Neue beweisen müssen, sie wert zu sein.
Um mich fallen zu lassen, brauche ich Sicherheit. Ich möchte nicht Nummer drei oder acht auf einer Liste sein. Auch nicht Nummer eins, wenn ich weiß, dass schräg neben mir noch eine Handvoll weiterer Menschen steht. Nicht wenn es um mein Intimleben geht. Nicht wenn ich ahne, dass bestimmte Spiele – bleiben wir im BDSM-Rahmen – so tief gehen, dass sie mich als Menschen berühren, während ich für die andere Person eben „nur“ eine von vielen bin. Ersetzbar und nach kurzer Zeit langweilig oder eben nicht mehr genug.

Es geht mir nicht um Monogamie. Haha. Das kann ich schlecht erwarten und das möchte ich auch gar nicht. Ich möchte auch keine Exklusivität. Und das scheint sich auf den ersten Blick mit dem vorherigen Absatz zu beißen, das sehe ich selbst.
Ich möchte Sicherheit die sich mit der Zeit aufbaut und das Gefühl, dass es nicht beliebig ist.
(Wenn du das liest, wundervoller Mann, ich unterstelle dir keine Beliebigkeit! Keinesfalls! Das ist ganz allein mein kleiner dummer Komplex bei alledem.)

ICH kann dabei nicht professionell unterscheiden und das mache ich zum Problem meines Gegenübers. All das zusammen wirft ein sehr unschönes Licht auf mich. Das weiß ich.

Andererseits sind das rationale Dinge und im Spiel will ich ja gerade das nicht sein. Ich will nicht mit dem Kopf denken. Spätestens da kommt der Zeitfaktor hinzu. Ich brauche Zeit um genug Vertrauen zu fassen, dass es okay ist, loszulassen. Ich brauche die Gewissheit, dass mein Gegenüber mich versteht und weiß wie ich in der Hinsicht funktioniere. Ich brauche Zeit für das Abstecken der Grenzen und für den Blick in den Kopf der anderen Person. Und das lange bevor das Spiel überhaupt beginnt. Wenn ich einen Mensch so nah an mich heran lasse, dass es zu irgendeiner Art Intimität kommt, möchte ich mehr. Ohne zeitliche Befristung ohne sichtbares Ablaufdatum. Also ein doppeltes Sicherheitsnetz.

Ich brauche Zeit, um zu schauen, ob mein Gegenüber mich und meine Eigenarten handhaben kann und ob ich das überhaupt möchte. Woran dieses „Möchten“ hängt muss ich irgendwann mal auf eine separate Spule fädeln…

So betrachtet passt der Begriff auf mich wohl doch ganz gut. Ich würde ihn gern in Attention Bitch umwandeln. Denn das möchte ich für meinen Spielpartner sein. Ein Miststück, das dessen Aufmerksamkeit genießt.


Nachtrag:
Der Wunsch nach Aufmerksamkeit wird oft als negativ dargestellt, doch eigentlich ist es ein menschliches Bedürfnis. Das Gesehenwerden von Menschen die dem Individuum wichtig sind.
Das Gegenteil wäre eben, übersehen zu werden. Was manchmal völlig okay ist, uns als Dauerzustand aber zerstört.

Bedürfnisse die wir haben sind Teil unserer Selbsterhaltung. Bedürfnisse einzufordern oder zugestanden zu bekommen ist demnach absolut notwendig. Ob die sich mit der Zeit ändern oder nicht, steht auf einem ganz anderen Blatt.

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