Wenn mich Sex zur schlechten Mutter macht…

Ganz offenbar haben sich gestern ein paar Menschen von meinen beiden #elternalltagssex-Tweets stark getriggert gefühlt. Neben einigen Beschimpfungen gab es dafür Unverständnis und (für mich) mehr oder weniger brauchbare Ratschläge, solche Situationen zukünftig zu vermeiden. Es wird einige Leute überraschen, aber diese Ideen und Gedanken sind mir nicht neu. Entgegen mancher Meinungen ist mein Kopf nicht völlig leer. (sic.)

Für einen Thread zu lang, wird das hier nun also ein Blogbeitrag.
Kink wird es heute nicht geben. (Eine reverse-Trigger-Warnung sozusagen)

Die Idee kam von der wunderbaren @betonköpfin, die einen sehr guten Faden über das Sexleben verfasste, das in meiner/ unserer Twitterbubble eher selten beschrieben wird. Von Eltern und Vanilla-Sex und dem Sex, der ganz gut in den Alltag mit Kindern und Arbeit und Nachbarn passt.

Ich fand die Idee sehr gut, weil all die kinky Tweets über Spanks, Ballgags, Fesseln und das komplette Arsenal die Wahrheit doch arg verzerrt. Sie suggerieren eine Welt, in der von morgens bis abends Fetisch ausgelebt und sexuelle Gelüste aller Art befriedigt werden.
Nun möchte ich mich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen. Es wird Eltern geben, die das auch tun. Bei einem Großteil wird das allerdings wohl nicht der Fall sein.

Mir ist durchaus bewusst, dass es nicht optimal ist, wenn Kinder die Eltern beim Sex erwischen. Ob Vanilla, Stracciatella oder was auch immer 😉
Aber ganz ehrlich? Es wird sich kaum vermeiden lassen, es sei denn, man verzichtet auf Sex.
Das wäre vielleicht eine Option… aber nicht für mich.

„Du würdest also deinen Kindern zuliebe nicht auf Sex und deine Bedürfnisse verzichten?“

Klare Antwort: Nein.
Das mag herzlos klingen, ist aber ganz einfach nur sehr pragmatisch.
Wenn ich so könnte wie ich wollte, würde ich Permanentfesseln tragen, würde mich (außerhalb von Covid-19) jedes dritte Wochenende mit Menschen zum Vögeln verabreden, hätte fantastische Club- und Partybesuche, würde nachts in Fesseln schlafen, wenn das gewollt ist.

Ich stelle mich und meine sexuellen Bedürfnisse hinten an. Jeden Tag. Weil ich all das nicht tue.

Den Sex den ich zuhause habe – wenn die Kinder im Bett schlafen (sollten) – ist maximal spiced vanilla. Zum einen, weil sie eben nur ein Zimmer weiter schlafen und zum anderen, weil der Alltag mit ihnen (besonders in Zeiten des Home-Offices und Home-Schoolings) dezent anstrengend ist und der Mann und ich nach einem langen Tag zu mehr auch nicht mehr im Stande sind. Das ist okay. Das ist das Leben das wir gewählt haben und das uns jeden Tag sehr viel gibt.

Warum verzichte ich jetzt aber nicht einfach darauf? Auf den Sex.

Es gibt Beziehungen, in denen Sex keine Rolle spielt. In denen körperliche Nähe weniger wichtig ist oder geworden ist. Wenn das für alle Beteiligten in Ordnung ist… schön!

Ich brauche die körperliche Nähe und alles was damit zusammenhängt. Als Ausgleich zum Tag, zum Stress, zum Abschalten, als Einschlafhilfe.
Ohne das bin ich weniger ausgeglichen und im Umgang mit den Kindern weniger geduldig. Ein Verzicht würde demnach ganz andere Baustellen im Alltag eröffnen. Darum sagte ich, nicht auf Sex zu verzichten sei eine pragmatische Entscheidung.

„Warum machst du die Tür nicht einfach zu?“

Das reine Schließen hat wenig Effekt, wenn Kinder im Haus sind, die die Fähigkeit besitzen, eine Klinke herunterzudrücken. Zumal die Wahrscheinlichkeit, dass ich sie beim Öffnen der eigenen Tür höre, wesentlich größer ist, wenn meine offen steht. Dann haben sie vielleicht meine Geräusche gehört und krabbeln aus ihrem Bett, stehen aber nicht auf der Schwelle und beobachten die eigenen Eltern.

Abschließen?

Ich bin keine Expertin in Sachen Kinderpädagogik! Stellen wir uns nun Kinder vor, die hinter der Tür des Elternschlafzimmers seltsame Geräusche hören, die sie nicht einordnen können. Durch den umgedrehten Schlüssel haben sie keine Möglichkeit hinein zu kommen, können nicht nachfragen was dort gerade passiert und malen sich in ihrer Phantasie die seltsamsten Dinge aus. DAS richtet meiner Meinung nach wesentlich mehr Unheil an, als die Eltern zu „erwischen“.

Klar kann ich den Flur mit Spielzeug präparieren und darauf warten, dass sie auf eines davon treten und mit lautem Geschimpfe oder Geschrei auf sich aufmerksam machen. Nur weiß ich nicht, ob das die bessere Alternative ist. Zumal sie durch den Krach eben auch die Geschwister aufwecken.

„Du zerstörst damit das Vertrauen der Kinder in dich und deinen Mann!“

Ist dem so?
Die Kinder kommen mit ihren Problemen noch immer zu uns. Sie reden mit uns über die eigenen Bedürfnisse und Wünsche und das auch nachdem sie uns mittlerweile vier Mal ertappt haben. Insgesamt. In knapp zehn Jahren. Persönlich finde ich das durchaus vertretbar. Vielleicht irre ich mich da auch. Keine Kinderpsychologin und so weiter…

Sie sahen uns, wie der Mann mich aufs Bett gedrückt hat, während wir beide gelacht haben. Und wie wir auf dem Bett um die Oberhand gekämpft haben.

Ja, das eine Mal waren Tränen vom Kind im Spiel, weil es das Ganze nicht einordnen konnte. Wir haben es uns geschnappt und geredet und gekuschelt. Dann ist es eingeschlafen und hat dem Papa am nächsten Tag feierlich die Fernbedienung überreicht, weil er ja den „Kampf“ gewonnen hat.

Ein zerstörtes Kind sieht meiner Meinung nach anders aus. Keines der Kinder verprügelt im Alltag andere. Keines traut sich nicht, mit uns zu sprechen oder grault sich vor der Nacht.

Ich bin der festen Überzeugung, dass Kinder es irgendwann mitbekommen, was ihre Eltern zeitweise im Schlafzimmer tun und das halte ich nicht für falsch oder gefährlich. Es zeigt, dass sich die eigenen Eltern eben nach all der Zeit noch immer nahe sind und vor allem profitieren sie selbst im Alltag von allen Benefits, die Sex bei den Eltern bewirkt.

Ohne Covid-19 schaffen wir es alle paar Monate mal die Ableger zu den Großeltern zu geben. Die Koordination ist nicht immer einfach. Wenn wir es denn geplant bekommen, leben wir all das aus, was mit Kindern nicht möglich ist. Nun arrangieren wir uns aber seit knapp einem Jahr mit anderen Bedingungen. In den vergangenen 12 Monaten gab es für uns insgesamt 3 Wochenenden (im Sommer), in denen wir kinderfrei hatten. Dass der Kink da deutlich auf der Strecke bleibt, muss ich vermutlich nicht erklären.

Macht mich all das zu einer schlechten Mutter? Es fühlten sich gestern doch einige Menschen berufen, mir das erklären zu wollen. Spart es euch. Glücklicherweise ist Twitter ein relativ freier Ort. Ihr müsst mich nicht lesen und ihr müsst mir kein Verständnis entgegenbringen. Und unterlasst doch bitte die Drohungen, mich „zu finden“ um dem Jugendamt Bescheid zu sagen. Irgendwo darf dann ruhig auch Schluss sein!

Mit dem euren Nachrichten gebührenden Respekt,

Cate

4 Kommentare zu „Wenn mich Sex zur schlechten Mutter macht…

  1. Ich habe keine Kinder und wer weiß ob sich das mal ändert. Ich kann Dir aber nur zustimmen. Natürlich sind die eigenen Bedürfnisse im Wettstreit mit denen der Kinder Verhandlungssache und unterliegen in der Regel. Aber auf Sex wegen der Kinder verzichten? Das ist so ziemlich das Dümmste und Krankeste, was man sich vorstellen kann. Das ist auf so vielen Ebenen falsch… Erst einmal, wird das Auswirkungen auf das eigene Befinden und damit auf die Kinder haben, wie Du ja geschrieben hast. Aber gleichzeitig wird den Kindern beigebracht, dass Sex etwas Schlimmes ist. Es ist genauso falsch wie Kinder nicht mit dem Tod zu konfrontieren.
    Kinder sind keine zerbrechlichen Gegenstände – sie sind wachsende Menschen. Zum Wachsen gehört, dass sie altersgemäß mit Dingen konfrontiert werden, die sie im Leben später brauchen werden. Und ich meine natürlich nicht, dass man im Kinderzimmer eine Vorführung macht, sondern, dass man sein Leben normal lebt – dann können es die Kinder hinterher auch.
    Du hast ja offenbar ein ganzes Geschwader von Helikoptereltern abbekommen, die meinen sie wären die tollsten Eltern. Dabei sind sie das Gegenteil. Sie sind schlechte Eltern, die sich von Narzissmus getrieben über andere erheben müssen.
    Tja, dann wird man eben von den Kindern erwischt. Ich kann mir nun wahrlich Angenehmeres vorstellen – und ich stehe darauf von anderen erwischt zu werden – als von den eigenen Kindern erwischt zu werden, daraus aber eine Elternkrise zu machen ist doch völliger Schwachsinn. Was soll denn da bitte passieren? Man erklärt den Kindern, was sie gesehen haben, kindgerecht und empathisch und bereitet sich schon mal auf das peinliche Schweigen vor, wenn die Kinder beim nächsten Frühstück mit den Schwiegereltern brühwarm erzählen, dass die Mama den Pipimann vom Papa im Mund hatte und gut. Was glauben die denn, wie das früher war?
    Früher hat die ganze Familie in einem Bett geschlafen – und die meisten Leute hatten wesentlich mehr als ein Kind. Trotzdem waren die Menschen keine mordenden und psychopatischen Monster, Merkwürdig. Wie kann das sein? Vielleicht weil Sexualität etwas ganz Natürliches ist, das zum Menschsein in all seinen Facetten dazugehört?
    Aber klar, wenn man darüber gefrustet ist, dass man den Kindern zu liebe keinen Sex mehr hat (und sich dann ggf. wundert, warum man sich das woanders sucht) ohne, dass es dafür Lobhuddeleien gibt, dann muss man natürlich so eine Chance nutzen und über jemand anderen herziehen. Dabei merken diese Leute nicht einmal, dass sie ihren Kindern keinen Gefallen tun. Ganz im Gegenteil. Wenn Sex ein Tabuthema ist, dann hilft das den Kindern nicht. Missbrauch geschieht deswegen, weil Kindern beigebracht wird, dass das ein Thema ist, worüber man schweigt (und dass es das gibt lernen sie ja spätestens in der Schule). Also schweigen sie, wenn sie missbraucht werden. Diese Tabuisierung ist der beste Verbündete für Missbrauchstäter.
    Eltern müssen auch nicht perfekt sein. Die Kinder werden es auch nicht sein. Die Eltern müssen menschlich sein. Dann werden es die Kinder auch.

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    1. 🌹Den Ansatz mit der Tabuisierung und dem Schweigen bei Gewalt und Missbrauch finde ich sehr interessant und muss mich da mal einlesen, ob es Studien dazu gibt. Danke für den Gedankenanstoß.

      Und ja, manche Menschen sind seltsam und haben ein Bild von Kindeserziehung und -begleitung dass mir auch nach Diskussionen gänzlich fremd bleibt.

      Gefällt 1 Person

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