Vernissage der Lüste – Lena 3/3

Dass sie dem Blick der Fremden nun nicht mehr standhalten konnte, schob sie auf die steigende Anspannung in ihrem Inneren. Lena schloss die Augen, genoss die Enge, als sie sich um den Metallschwanz und den Plug zusammenzog. Ihr Stöhnen schwoll an, wurde tiefer und ihr ganzer Körper schien explodieren zu wollen. Sie spürte die Welle auf sich zurasen und genoss den Scheitelpunkt, solange er anhielt. Diesen Punkt, der einmal erreicht keine Umkehr mehr zuließ. Der an dem jedes Molekül in ihr für einen Moment stillzustehen schien, um sie schon im nächsten in ein Chaos aus Empfindungen zu stürzen.

Voller Erleichterung sog sie jede Sekunde der süßen Erlösung in sich auf. All die höhepunktlosen Wochen zuvor schienen die Intensität dieses Einen multipliziert zu haben. Die Geräusche, die unter dem Latex hervordrangen, klangen nicht mehr nach ihr. Wollüstig, animalisch. Und während jeder einzelnen Anspannung ihrer Muskeln entfloh ihr ein weiteres Stöhnen. Wie lange dieser Zustand dauert, vermochte sie nicht zu sagen, doch es fühlte sich unglaublich befreiend an. Eine Freiheit, die sie in größter Einschränkung fühlte und sie liebte es.

Ganz langsam ebbte die Flut des Orgasmus‘ ab und ihr Verstand kam zu ihr zurück. Erst da bemerkte sie, dass der Vibrator an ihr noch immer mit gleicher Kraft arbeitete und allmählich unangenehm wurde. Er war einfach zu viel und sie völlig überreizt. Doch die Fremde machte keinerlei Anstalten, den Knopf zu betätigen.

In Lenas Kopf schlugen die Gedanken Kapriolen und das Blitzen in den Augen ihres Gegenübers ließ sie ahnen, warum sie ihr den Gefallen nicht tat. Quälend langsam sickerte das Verstehen in ihren Geist. Die Domme – keine Frage, dass sie eine war – revanchierte sich auf ihre Weise für Lenas störrisch gehaltenen Blickkontakt.

Sie jammerte, flehte mit den Augen, doch außer einem amüsierten Lächeln ließ sich die Fremde zu keiner weiteren Reaktion verleiten. Lena hasste es. Und gleichzeitig triumphierte ihre devote Seite. Das war es, was sie gewollt hatte. Nicht die Orgasmen. Die hätte sie auch daheim haben können. Nicht die Fesseln. Mittlerweile war sie ganz gut im Selfbondage.

Die freiwillig aus der Hand gegebene Entscheidungsgewalt war das wirklich Reizvolle. Und das bekam sie nun. Früher und härter als erwartet und dennoch spürte sie, wie allein der Gedanke nicht entkommen zu können, alles in ihr erneut in Aufruhr versetze. Das ungeminderte Vibrieren des Wand an ihr, die engen Fesseln und der Blick der fremden Frau, die genau zu sehen schien, was in Lena vorging und daraus eigene Lust zog. In dem Moment waren sie ein Team, das sich nicht kannte und dennoch perfekt harmonierte.

Lenas Denken klinkte sich aus zwischen dem Wunsch, die wachsende Erregung ihres Gegenübers weiter beobachten zu können und dem eigenen Verlangen, erneut kommen zu dürfen. Stattdessen übernahm ihr Körper die Oberhand. Langsamer als beim ersten Mal, jedoch genauso zielstrebig, rollte ein weiterer Höhepunkt auf sie zu. Zunächst spannte sich ihr Unterleib an, bis nach und nach alle Muskeln involviert waren. In dieser Schwebe flammte für einen kurzen Augenblick die Sorge auf, die Frau könnte gerade jetzt aufhören, doch das tat sie nicht.

Lena fühlte erneut den Point of no return, bemerkte kaum, wie sie abermals inbrünstig in den Knebel stöhnte und wäre in sich zusammengesackt, hätte sie die Möglichkeit dazu gehabt.

Weitaus schneller als beim Vorherigen flauten die stoßweisen Anspannungen in ihr ab. Ihre Beine hatten Schwierigkeiten, sie zu tragen und Erschöpfung breitete sich aus.

Nur einen winzigen Moment der Ruhe wünschte sie sich. Eine kurze Möglichkeit zum Durchatmen, zum Ausstrecken, zum Auflockern ihrer Muskeln. Doch den bekam sie nicht. Nicht ohne den kleinen Knopf in ihren Händen zu betätigen. Oder bevor die Ausstellungszeit vorbei war. Im Grunde wollte sie das auch nicht.

Es fiel ihr schwer das begreiflich zu machen, doch genau daraus zog sie ihre Lust. Aus dem Leiden, dem Nicht-bekommen-was-sie-will, dem Ihr-Schicksal-in-fremde-Hände-Geben. Teil dieser Vernissage sein dürfen, gab ihr bereits jetzt mehr, als sie je für möglich gehalten hatte. Und der Wand tat das auch. Ungebremst und äußerst ausdauernd.

Egal wie sehr sie sich mühte, Abstand zu diesem Spielzeug der Hölle zu bekommen, es gelang ihr nicht. Stattdessen arbeitete er weiter und entlockte ihr Laute, die sie nicht einmal selbst ihren Gefühlen zuordnen konnte. Lena wollte, dass es aufhört und hätte zugleich vor Enttäuschung aufgeschrien, würde es tatsächlich enden. So blieb ihr nichts außer dem Verharren zwischen all ihren widersprüchlichen Empfindungen.

Die Domme schien in ihr lesen zu können wie in einem offenen Buch und das Grinsen auf ihren Lippen strahlte bis in die Augen hinauf. Umso stärker, als sie sich mit einem Augenzwinkern von Lena abwandte und schlichtweg ging.

Ohne. Den. Verfickten. Vibrator. Abzuschalten.

Lena fluchte brummend und warf sich gegen ihre Fesseln, nur um erneut festzustellen, was sie bereits wusste. Es würde nichts helfen. Außer, dass ihr Toben kostbare Kraft verbrauchen würde, die ohnehin schon im Schwinden begriffen war. Lautstark schnaubend versuchte sie sich zu beruhigen, was nur schwerlich gelang. Alles an ihr war vollkommen überreizt und ihre Muskeln gehorchten kaum ihren Befehlen.

Abermals mühte sie sich, mit dem Becken so weit wie möglich vom Wand zurückzuweichen. Der minimale Erfolg den es ihr brachte, schaffte lediglich kleine Erleichterung. Noch immer war es unangenehm. Der Reiz verlagerte sich somit nur. Stattdessen drückte nun der Metallschwanz fester an sie und die Anspannung ihres Hinterns ließ sie den Plug noch deutlicher spüren, als sie es ohnehin schon tat. Sie hassliebte es.  

Ein weiteres Mal würde sie ohne Pause nicht kommen können, dachte sie und wusste noch nicht, wie sehr sie sich damit irrte. Vielleicht waren es die Umgebungsgeräusche, der Geruch von Ekstase und Verlangen in der Luft oder die gesamte Atmosphäre. Praktisch gesehen war es egal. Noch zwei weitere Male kam sie keuchend, fluchend und stöhnend. Bis ihre Beine so stark zitterten, als wäre sie einen Marathon gelaufen. Hinzu kam die Hitze, die ihr Körper mittlerweile ausstrahlte. Klimaanlage schön und gut aber sie hatte das Gefühl in ihrem Kostüm zu schwimmen.

Ob es Zufall war oder ihre Gebete erhört wurden, konnte sie nicht sagen, doch als sie mehr auf dem Metallschwanz hing, als das sie stand, tauchte die Domme endlich wieder auf. Auch vor ihr waren immer wieder Gäste gekommen, doch keiner von denen war gnädig genug gewesen, den Wand abzuschalten. Erst als die Fremde wieder erschien und Lena mit breitem Lächeln und äußerst zufriedenem Glänzen in den Augen musterte, wurde ihr bewusst, dass zumindest das kein Zufall gewesen war. Selbst diese Gedanken zu sortieren fiel ihr unglaublich schwer. In ihrem Kopf schien alles zu verkleben. Sie existierte auf diesem Podest. Wurde von einem zum nächsten Orgasmus getrieben und lebte irgendwo dazwischen. Als das, was die Ausstellung wohl ausmachte. Als eine Puppe. Ein Objekt ihrer eigenen Lust.

Das Vibrieren selbst hatte nichts Angenehmes mehr. Ihr Körper reagierte darauf nur noch gedämpft. Nicht, als hätte sie sich an eine Droge gewöhnt und bräuchte mehr davon, sondern als eine Folge von Resignation. Er hatte in gewisser Form abgeschaltet. Die Reize, die ohne Unterlass an ihrem Zentrum arbeiteten spürte sie zwar, konnte sie aber kaum noch umsetzen. Ein weiterer Orgasmus – und Lena wusste, dass er kommen würde – würde keine Lust mehr bringen. Ein einziges Mal zuvor hatte ihr damaliger Spielpartner Orgasmen als Strafe eingesetzt. Damals hatte sie gelacht, weil sie es nicht glauben konnte, dass so etwas Strafe sein sollte. Sie hatte so falsch gelegen.

Irgendwann war es Folter und Qual und genauso war es auch jetzt. Ein Blick in die Augen der Domme verriet ihr, dass sie diesen Orgasmus abwarten würde. Der letzte war bereits hart an der Grenze von gut gewesen. Jetzt versuchte ihr träger Verstand zu sortieren, wie wahrscheinlich es war, danach auf Gnade hoffen zu dürfen oder ob ihr auch dann keine Pause vergönnt sein sollte. Ob das Ende der Ausstellung nahe war, wagte sie sich nicht auszumalen. Nicht weil sie es herbei sehnte, sondern ganz im Gegenteil.

Lena spürte die Sucht in sich. Sie wünschte sich, dass es aufhört und wusste zugleich, dass das das Letzte war, was sie wollte. Und während ihr die Gedanken immer wieder entglitten, zog die Domme ihren Blick auf sie. Da war es wieder, dieses seltsame Gefühl der Verbundenheit. Sie spürte, dass sie diesen Kampf zwar mit sich austragen würde, aber nicht ausschließlich für sich. Lena sah die Erregung der Frau, als würde sie von einer knisternden Aura umgeben sein. Sie sah in ihr die Reaktion auf ihr eigenes Leid und ihren Frust. Auf das ehrlich empfundene und zugleich so sehnlichst erhoffte Annehmen der eigenen Situation. Und sie sah die Lust, die all das in der Domme erzeugte.

Der Orgasmus, den Lena haben würde, würde nicht ihrer sein, das wusste sie. Sie würde ihn für diese Frau haben, die ihr so viel mehr gegeben hatte. Und als die Erkenntnis ihr Verstehen erreichte, fühlte sie auch die mittlerweile schmerzhafte Anspannung in ihrem Unterleib. Sie spürte den Plug, der in ihr brannte. Den Metallschwanz, der nun alles war, nur nicht mehr im positiven Sinn erfüllend. Sie spürte die Vibrationen, die durch ihren Körper jagten und die ihre Muskeln erneut zu Höchstleistungen trieben.

Und endlich, als jede Zelle in ihr schreien wollte, fühlte sie die Welle, auf die sie und die Fremde warteten. Lena selbst war zwiegespalten. Sie wusste, dass es grausam werden würde. Als würde sie mit Muskelkater und Prellungen durch einen Lauf gequält werden. Doch zu wissen, dass sie weder allein war, noch für sich allein kommen würde, half ihr dabei.

Und so versuchte sie sich auf den bevorstehenden Höhepunkt zu konzentrieren, was sich als schwieriger als gedacht erwies. Sie erwartete Schmerzen und tiefste Erschöpfung. Irgendwo auch Zufriedenheit und vor allem erhoffte sie sich Ruhe. Dennoch kostete es sie den Rest ihrer ohnehin nur noch bruchstückhaft vorhandenen Überwindung, den sich anbahnenden Höhepunkt zuzulassen.

In ihr stritten die Sicherheit zu wissen, dass das was sie gerade hatte, zwar nicht erträglich, aber bekannt war und die Sorge, danach eben keine Atempause zu bekommen. Sondern stattdessen eine weitere Runde, die sie nicht überstehen würde. Im Wissen, auf diesem schmalen Grat aber früher oder später ohnehin runterzufallen, ergriff sie stattdessen die Initiative und sprang hinab ins Unbekannte. Die entspannenden und befriedigenden Gefühle, die ein Orgasmus normalerweise mit sich brachte, blieben aus. Alles was sie spürte war ein beinahe schon zerstörerisches Krampfen und wieder Entspannen ihrer Muskeln. Aus ihr drangen Laute hervor, die kaum noch hörbar waren, so müde war sie. Sie ließ es geschehen und wusste, es für die Domme zu tun. Für eine Frau die sie nicht kannte und die dennoch in beidseitigem Einvernehmen etwas einforderte, von dem Lena nicht einmal gewusst hatte, dass sie es hätte zeigen sollte. Gespürt vielleicht. Hätte sie auf ihr Gefühl gehört.

Und sie liebte diese Härte. Sie verstand sie und Himmel auch das war etwas, das sie schon so lange vermisst hatte. Diesen Gedanken wiederum empfand sie als äußerst lustvoll und als ihr Körper die letzte Flut endlich verarbeitet hatte, wurde der Blick der Frau plötzlich weich und sie erlöste Lena vom Vibrieren des Wand.

Alles was sie spürte waren grenzenlose Müdigkeit, Dankbarkeit und Erfüllung. Und Stolz auf sich selbst. Die Tränen, die ihre Augen verließen, um gleich danach das Latex zu benetzen, flossen ungehindert und ihr Schluchzen war kaum noch hörbar. So bemerkte sie die Domme auch erst, als diese neben ihr auf dem Podest erschien und ihr Gesicht zwischen die Hände nahm.

„Das hast du großartig gemacht!“, flüsterte sie so leise, dass nur Lena es hören konnte. „Die Ausstellungszeit ist vorbei. Ich helfe dir!“

Sie stülpte zuerst die Kopfbedeckung vorsichtig hinunter, um ihr den Knebel zu entnehmen. Anschließend half sie ihr aus dem Monohandschuh und entfernte den Metallschwanz, um sich dann mit ihr zu setzen und Lena in den Arm zu nehmen. Ihre wackligen Beine hätten sie keinen Meter mehr getragen, das wusste Lena und schmiegte sich dankbar an die Domme. Genoss die Nähe, das Aufgefangen werden. Hemmungslos schluchzte sie und versank in ihren überwältigenden Gefühlen, die sie nicht ordnen konnte und es auch gar nicht wollte.

Wie lange sie dort saß, der beruhigenden Stimme der Domme lauschte und von ihr gehalten wurde, wusste sie nicht. Auch nicht, was sonst um sie herum geschah. Es war ihr egal. Was diese Ausstellung und diese Frau ihr geschenkt hatten, würde unvergesslich bleiben.   

7 Kommentare zu „Vernissage der Lüste – Lena 3/3

  1. Der Text wirkte auf mich, als hätte ich direkt die Gedanken der Protagonistin mitgelesen und mit ihr mitgefiebert, was wohl der nächste Moment bringt.
    Es wird schwer werden, diesen dritten Teil noch zu „toppen“. Trotzdem bin ich gespannt auf die weitere Fortsetzung.

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    1. 🌹Vielen Dank! Der nächste Teil wird ein weiteres „Ausstellungsstück“ beschreiben. Ich muss leider jetzt schon dazu sagen, dass ich diese Teile auf Patreon veröffentlichen werde, weil sie etwas heftiger ausfallen werden und ich dort einfach besser nachvollziehen kann, wer das alles liest. Hier auf dem Blog ist es mit Jugendschutz leider relativ lasch.🌹

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      1. Der Hinweis auf Patreon ist interessant. Ich kannte diese Plattform bislang noch nicht, sie hat aber ein interessantes Konzept. Für meinen eigenen Geschichten-Blog sehe ich das zwar nicht, da ich das Creative Commons Konzept für lizenzfreie Inhalte unterstütze, aber ich kann Dein Argument mit dem Jugendschutz gut nachvollziehen.

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  2. Ich bin einfach nur ganz fertig. Das ist so unglaublich. Ich verstehe kaum wie Du das schreibst, bzw. es Dir ausdenken kannst. Vielleicht bin ich einfach so unerfahren und ohne Fantasie, aber ich kann es kaum glauben was Du da geschrieben hast. Und das hat schon lange nichts mehr mit Erregung zu tun, also primär körperliche (obwohl sie definitv da ist), so wie in meinen 20ern. Der Kopf arbeitet viel mehr und ich versuche die Worte zu einem Bild zusammenzusetzen. Aber ganz ehrlich, soviel Fantasie habe ich nicht. Nur die Gefühle und auch die körperlichen Reaktionen von denen ich einfach und auch leider keine Ahnung habe sind so unbeschreiblich intensiv beschrieben. Ich bin einfach nur gefesselt. Und eine verrückte kleine Stimme fragt sich ernsthaft ob ich, in irgendeinem lächerlichen Szenario etwas ähnliches erleben könnte. Aber einfach danke. Und da sind noch soviele Geschichten übrig.

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    1. 🌹😊 Ich glaube, möglich ist einiges, wenn man weiß wo und wie. Und wenn man sich bewusst ist, dass Phantasie und Realität nicht immer eins sind.
      Was im der Phantasie gut klingt, ist nicht immer etwas für die Realität. Ich denke, die Vernissage könnte da grenzwertig sein.

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