Von Schuld und Schweigen

Derzeit sorgt der #männerwelten für Aufsehen. Ausgangsgedanke war die Sichtbarmachung von sexuellen Übergriffen im realen Face-to-Face-Erleben, aber auch solcher im Social Media.
Grundsätzlich ist das meiner Meinung nach ein wichtiges Thema.
Unabhängig davon, ob die Darstellung gefärbt vom polarisierenden Grundtenor der ProSiebenSat1Media SE ist oder einige Ansätze vom mitwirkenden Terre des Femmes kritisch zu hinterfragen sind, sind die Inhalte des Beitrages von Joko und Klaas ein alltägliches Problem, unter dem viele Menschen (im Fall des Videos Frauen) leiden.

Es gibt bereits breite Diskussionen darüber, dass der Beitrag in seiner verallgemeinernden Art und Weise Männerhass schürt. Dass er Männer in eine generalisierte Täterrolle drängt. Es werden Diskussionen über die im Beitrag nicht erwähnten misshandelten und belästigten Männer geführt.

All das sind Aspekte, die nicht außer Acht gelassen werden sollten.
In diesem Text hier möchte ich mich dem ausdrücklich nicht anschließen.  

Stattdessen muss ich etwas los werden, das immer wieder in meiner TL, unter meinen eigenen Tweets und in meinen DMs angesprochen wird und heute im Zusammenhang mit diesem Hashtag einen für mich persönlichen Höhepunkt erreicht hat.

Ausgangspunkt war folgender Tweet:

Unter dem wurde mir ziemlich direkt vorgeworfen, dass eben solche Posts verantwortlich für die dargestellten Aspekte im Video von Joko und Klaas seien.

Dass meine Wortwahl (Blowjob, Spermaküsse und sexuelle Handlungen mit dem gleichen Geschlecht) zur Verrohung der Sprache und zu sexuellen Übergriffen verleiten würde.
Ganz abgesehen davon, dass die im Tweet beschriebenen Dinge „widerwärtig“ seien. Versautes Zeug, frevelhaft, ungezogen, schweinisch und sexuell offen.

Nun hatte ich die Hoffnung, zumindest „sexuell offen“ sei nicht abwertend gemeint, aber Sex gehöre nun mal nicht ins Twitter.

„Für Sexkram gibt’s Sexportale“.

Denn – kommen wir zur Kernaussage zurück – genau darum seien meine Tweets verantwortlich für #männerwelten. Sie provozieren es. Sexuelle Übergriffe bis hin zur Vergewaltigung.

Und hätte ich „die Augen eines Mannes“, würde ich viel eher verstehen, warum Männer genau so darauf reagieren. Es seien nicht alle Männer „normal“. Mancher „befriedigt sich [ zu solchen Tweets] selbst oder Schlimmeres!“ (Sic)

Meine/e Tweet/s werden im gleichen Atemzug wie Pädophilie erwähnt, weil sie Grenzen überschreiten. (Die des Lesers).
Muten und Blocken seien jedoch keine Alternative, denn Trump und Atemwaffenangriffe auf Europa dürfe man auch nicht einfach ausblenden, nur weil man sie nicht sehen möchte.

Von der Anfangsreply a la ‚Trag keinen kurzen Rock, dann wirst du auch nicht vergewaltigt‘ wird schnell von Doppelmoral gesprochen, denn ich als „selbstbewusste Frau“ kann doch nicht über Sex schreiben, ohne mir der Folgen bewusst zu sein. Schließlich passen Heavy Metall und Katzenvideos auch nicht zusammen.
Ich präsentiere hiermit: eine Welt in Schwarz und Weiß. In Gut und Böse und vor allem ohne jegliche Diversität.

Ich hasse diese Darstellung und diese Sichtweise. Auf so vielen Ebenen.

Denn abgesehen davon, ob man sich die gravierenden Schwachstellen des Beitrags über #männerwelten eingestehen möchte oder nicht, zeigt mir die Diskussion unter meinem Tweet doch, dass das Thema wichtiger ist denn je.

ICH bin durch meine Worte NICHT dafür verantwortlich, dass Menschen sexuell übergriffig werden. Denn insbesondere, wenn man sich einen vorherigen Kurztext von mir anschaut, ist diese Art der Argumentation perfekt in Szene gesetzte Täter-Opfer-Umkehr.

Denn ja verdammt, auch ich werde belästigt. Auch ich kenne Übergriffe.
Aber meine Texte, meine Tweets sind keine Entschuldigung für Menschen, Grenzen zu überschreiten.

Meine nicht und schon gar nicht die von Dritten.
Meine (persönlichen) Gedanken und Phantasien als Ursache oder Auslöser für Belästigungen und Missbrauch hinzustellen ist in etwa so, als würden Schuhhersteller die Verantwortung tragen, wenn mit ihrem Schuh jemand getreten wird. Als würden Treppenbauer Schuld tragen, dass Menschen hinunter gestoßen werden.

Und (in diesem Fall) Männern die Eigenverantwortung für ihre Taten zu entziehen und sie der bösen Hexe von LessDressed zuzuschieben ist nicht nur armselig, sondern genau der Grund dafür, dass die (geschlechterunabhängige!) Dunkelziffer solcher Straftaten so extrem hoch ist.

Nein, ich werde nicht aufhören, öffentlich über Sex und sexuelle Vorlieben zu sprechen. Über meine Fantasien, Erlebnisse und Wünsche, über BDSM.
Weil es kein Thema ist, das ausschließlich in abgedunkelte Schlafzimmer gehört. Weil es nichts Verwerfliches ist, das nur hinter vorgehaltener Hand angesprochen werden darf.

Sexualität ist etwas Natürliches. Nicht nur für die Reproduktion.
Mit ihr gehen psychosoziales Wohlbefinden und Lebensfreude einher und für einen selbstbestimmten und verantwortungsbewussten Umgang mit der eigenen Sexualität ist Kommunikation ein essentieller Grundbaustein.

In der Zeit, in der ich nun im blauen Wald unterwegs bin, habe ich gesehen, dass es viele Menschen gibt, die das aus den verschiedensten Gründen nicht können oder wollen. Das darüber Reden.

Und ich weiß aus so vielen Nachrichten, dass es Menschen gut tut, darüber zu lesen. Dass das, worüber ich schreibe Einblicke in eine Welt gibt, die spannend sein kann, wenn sie verantwortungsbewusst und mit Vernunft gelebt wird. Dass es durchaus auch inspirierend sein kann.
Und ich werde mir meine Stimme nicht nehmen lassen, wenn ich stattdessen damit zu einer wertschätzenden, gleichberechtigten und vor allem offeneren Gesellschaft beitragen kann.

Ich werde nicht schweigen, nur weil es Menschen da draußen gibt, die Selbstbestimmung und sexuelle Offenheit für Schimpfworte halten.

Rant Ende!

2 Kommentare zu „Von Schuld und Schweigen

  1. Absolut richtig. Allein der Gedanke, jemand müsse bei bestimmten Texten und Bildern automatisch übergriffig werden, negiert, was den Menschen ausmacht: Sich unter Kontrolle zu haben und richtiges von Falschem unterscheiden zu können. Warum z. B. niemand Werbeunternehmen vorwirft, Schuld am Autodiebstahl zu sein, wenn sie die Produkte doch so verführerisch in Szene setzen, lässt sich nur damit erklären, dass im Denken vieler Menschen für Sexualstraftaten immer noch andere Regeln gelten und Täter auf mehr Verständnis hoffen können.

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    1. 🌹Danke dir! Die Diskussion aufgrund eines verschobenen Verständnisses für richtig und falsch, bzw für Selbstkontrolle führe (nicht nur) ich in letzter Zeit leider sehr häufig. Offenbar ist das in der Gesellschaft noch nicht überall angekommen.🌹

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